Daten im Internet – Auf der Suche nach dem Radiergummi

Unter diesem Titel erschien in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ am 25. Oktober ein ausführlicher Artikel von Nadine Oberhuber zum heftig diskutierten Thema „Das Netz vergisst nichts“, zu dem sie auch ein Interview mit Werner Stangl vom PPP der jku verwendete. Die betreffenden Passagen sind hier ausschnittsweise wiedergegeben – der Link zum vollständigen Artikel findet sich am Ende:

„Wir selbst neigen dazu, viele Details nach einer Weile zu vergessen, sie als Jugendsünden, Geschmacksverirrungen oder Vorstadium der politischen Willensbildung abzutun. Doch im Netz wird uns all das noch für Jahre begleiten. Das digitale Zeitalter ermöglicht das perfekte Erinnern.
Genau das halten Psychologen, Datenschützer und Politikprofessoren wie Viktor Mayer-Schönberger für das große Problem: „Das Vergessen spielt schließlich eine zentrale Rolle in der menschlichen Entwicklung.“ Unser Gehirn bewertet zuerst Dinge und vergisst sie prompt, wenn es sie als unwichtig eingestuft hat. Wenn aber Suchmaschinen und Personenarchive jede getippte Aussage und jedes freigegebene Detail auf ewig speichern, wie sollen wir uns dann jemals davon di-stanzieren? Wie sollen wir uns entwickeln? Neustarts waren im Leben möglich, solange man wegziehen und woanders als unbeschriebenes Blatt neu anfangen konnte. Heute wird fast jeder Bewerber von Personalchefs ge-googelt, jeder Zugezogene von Nachbarn gescannt, und Clubreisende durchleuchten Mitfahrer vor der Reise digital. Die Kontrolle über unsere Daten – und darüber, wer sie lesen darf – haben wir längst verloren. Sie ist von uns auf die übergegangen, die danach suchen.
Was das Internet trotz der Informationen, die es behält, nicht sagt: welche der gehorteten Daten wirklich typisch sind – und welche nur unbedeutende Randnotiz. „Das ist genau die Aufgabe, die unser Gedächtnis übernimmt“, erklärt Werner Stangl, Professor für Psychologie an der Universität Linz, „und weswegen es unwichtige alte Informationen mit neu einströmende überschreibt. So lagert nur das Wichtige im Langzeitgedächtnis.“
Das Löschen passiert nicht, weil der menschliche Datenspeicher sonst Kapazitätsprobleme hätte. „Es sind strukturelle Gründe, aus denen unser Gedächtnis Dinge vergisst“, erklärt Stangl. Es will bündeln, was zueinanderpasst. Will langfristig konsistente Bilder herausmeißeln. Wenn ihm Details fehlen, ergänzt es von allein, was ihm plausibel erscheint. „Das Gedächtnis sichert nicht nur unsere Identität“, sagt Stangl, es schützt sie auch. Deshalb merken wir uns eher die guten Dinge als Niederlagen und böse Worte. Anders als das Internet.

Der vollständige Text: http://www.faz.net/

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