Netflix- statt Werther-Effekt?

Als Werther-Effekt wird in der Medienwirkungsforschung die Annahme bezeichnet, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Suiziden, über die in den Medien ausführlich berichtet wurde, und einer Erhöhung der Suizidrate in der Bevölkerung besteht (Stangl, 2019). Nach der Ausstrahlung der Netflix-Serie „13 Reasons Why“ ist Studien zufolge die Zahl der Suizide unter Jugendlichen in den USA gestiegen, und zwar fand man 58 mehr Selbstmordfälle bei 10- bis 17-Jährigen im Monat April, als auf Grund des Trends in den Monaten davor erwartet worden wäre. Die Studie untersuchte dabei mit verschiedenen Methoden das Selbstmordverhalten in der Fünfjahresperiode ab Januar 2013, wobei die Selbstmordrate vor der Veröffentlichung mit der erwarteten Entwicklung aufgrund historischer und anderer Trends verglichen wurde. Der Untersuchung zufolge gab es in den neun Monaten nach Beginn der Serie 195 zusätzliche Suizidfälle in der Altersgruppe zwischen zehn und 17 Jahren, ein Anstieg von fast 29 Prozent, wobei dabei vor allem männliche Jugendliche betroffen waren. Vor allem im ersten Monat, nachdem die Serie angelaufen war, gab es einen signifikanten Anstieg, wobei auch die Zahl der Internetrecherchen zum Thema Suizid um 19 Prozent gestiegen war.

In der Serie geht es um eine Schülerin, die sich das Leben nimmt, wobei Netflix dabei den Suizid der Hauptfigur besonders dramatisch inszeniert hatte und die für Medien geltenden Leitlinien zur angemessenen Darstellung dieses Themas nach Meinung von Experten missachtet hatte. Solche eine Darstellung kann für Menschen traumatisch sein, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben bzw. zeigt in manchen Fällen direkt den Weg zum Suizid.
Netflix hat 2019 die besonders kontroverse Szene aus der ersten Staffel der Serie entfernt, in der der Suizid der Protagonistin gezeigt wird. Bei der Vorbereitung auf den Start der dritten Staffel habe man die Debatte über die Serie aufmerksam verfolgt. Basierend auf Ratschlägen von medizinischen Fachleuten wurde entschieden, die Szene zu bearbeiten, in der sich das Mädchen das Leben nimmt, teilte Netflix via Twitter mit. In der bearbeiteten Fassung ist Hannah zu sehen, wie sie in den Spiegel schaut, ehe die Reaktion ihrer Eltern auf die Geschehnisse zu sehen ist (Die Presse vom 16. Juli 2019).

Literatur

Bridge, Jeffrey A., Greenhouse, Joel B., Ruch, Donna, Stevens, Jack, Ackerman, John, Sheftall, Arielle H., Horowitz, Lisa M., Kelleher, Kelly J. & Campo, John V. (2019). Association Between the Release of Netflix’s 13 Reasons Why and Suicide Rates in the United States: An Interrupted Times Series Analysis. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, doi: 10.1016/j.jaac.2019.04.020.
Campo, John V. & Bridge, Jeffrey A. (2018). Exploring the Impact of 13 Reasons Why: Looking for Light Amidst the Heat. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 57, 547-549.
Sonneck G. (2000). Krisenintervention und Suizidverhütung. Wien:UTB Facultas.
Stangl, W. (2019). Stichwort: ‚Werther-Effekt‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/10101/werther-effekt/ (2019-05-02)



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