Shortlist Pergamenta 1. Literaturpreis 2015 vom 15. September

steinröschen
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du streifst durch mein schloss und streichelst meinen ahorn. fällst hin und lachst und klopfst dir den sand von der hose. guckst hoch und hältst dir die hand zwischen sonne und augen. ich gehe auf dich zu, tanze um dich herum und du gurrst mich an. folgst mir durch die säle und schlafzimmer. immer in […]

Steinreich
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Steinreich war er. Er hatte die Hosentaschen voll. Unten am Strand wim-melte es von Steinen und es wurden nicht weniger. Wenn er anfing sie zu sammeln, vergingen Stunden. Er verschwand in den Steinen. Das Meer brachte immer neue Kostbarkeiten und legte sie bei Flut auf dem hellen Sandstrand für ihn ab. Ihre Formen waren reich, […]

Zeitsteinzeitstein
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Der Applaus, so dachte er, gehört zu den nur im geringen Maße erforschten Themen der Wissenschaften. Er hatte sich schon öfters gefragt, was die Menschen, und gelegentlich sogar Schimpansen, dazu bringt, die Innenflächen ihrer Hände mehr oder weniger kräftig wiederholt aufeinanderzuschlagen, um damit ein klatschendes Geräusch zu erzeugen. Abhängig davon, wieviel Luft sich zwischen den […]

Der Steinfeinschmecker
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Er war grobschlächtig, grausam und gnadenlos. Sie nannten ihn den Spanischen Stiefel. Er zerbrach mit bloßen Händen jeden beliebigen Knochen im Körper. Er war ein Meister der Folter und der hündische Henkersknecht eines ruchlosen Regimes. Ich saß halbnackt und zusammengesunken auf einem Stuhl. Ihm tropfte der Schweiß von der Stirn, mir das Blut in den […]

Von Versteinerungen und Verplastikungen
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Ich habe morgen ein Examen in Erdkunde, Mutter. Könntest Du mich den Prüfungsstoff abfragen? Natürlich, mein Kleines. Um welches Thema geht es? Wir werden zum sogenannten Zeitalter des Plastikozoikums befragt. Hier sind die Blätter mit dem Prüfungsstoff. Gut, kannst Du als Erstes beschreiben, was das Plastikozoikum ist und wann es auftrat? Also, das ist ein […]

Versteinerung
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Anfangs merkte er es kaum. Die Augenlider wurden ihm schwer, die Zehen, später auch die Unterschenkel und die Ohren. Die Versteinerung schritt fort; Zentimeter um Zentimeter verhärteten sich die Muskeln, wurde die Haut rau und rissig. Wenn man daran rieb, blätterte sie ab wie Staub, wie brüchiger Beton. Bald waren alle inneren Organe ergriffen. Auch […]

Versessen unvergesslich
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Onkel Anton wurde sehr alt, als er dann im Oktober starb, lachten alle. Anton wohnte zeit seines Lebens alleine auf dem kleinen Hof seiner Eltern, draußen am Rande des Dorfes, kurz bevor die Landschaft sich in einen Wald verwandelt. Er hatte keine eigenen Kinder, doch hin und wieder Besuch von den beiden Bengeln seiner Schwester. […]

Nichts währt ewig
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Karl war beeindruckt, als er die fünf alten Mühlsteine sah: die wuchtigen Räder, deren leicht pockiger Oberfläche man das langjährige Knirschen beim Mahlen auf den ersten Blick ansah, lagen in ihrer dekorativen Wucht, wie zufällig aufeinandergelegt und aneinandergelehnt, in einem ruhigen, halbschattigen Winkel des parkartigen Gartens, der zum Anwesen der Behrendts gehörte. Die Dame des […]

Zwischen den Fingern
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Sisi sitzt im Gras, am Rand der Anhöhe, die Türme aus verrosteten Einzelteilen in seinem Rücken. Platt gedrückte Autokarosserien, Spiegelsplitter, die zwischen den Türmen liegen, Kühlschränke. Am Ende des Abhanges beginnt ein Tannenwäldchen, dahinter Gleise. Züge, die einen weit weg bringen können. Dann die Felder und durch sie hindurch Wege, die zu einer Stadt führen. […]

Die Reise
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Nochmal Sonne, Untergang, eine Minute noch Sie holen mich vom Lager. Der ohne Bart schneidet die Fesseln los. Er schaut mir nicht in die Augen, die letzten Stunden habe ich immer wieder seinen Blick gesucht, die Hoffnung nicht aufgegeben, er würde mich ansehen, ansprechen, einen Menschen sehen, nicht einmal eine Minute hat er mich so […]

Schwerelos
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Die Hände vor der Brust gefaltet, schwebte Chris im Yogasitz durch das Labor. »Tu nicht so erleuchtet.« Evelyn grinste und wendete sich wieder den Gewebeproben zu. »Ich glaube, ich bin für die Schwerelosigkeit geboren«, meinte Chris, löste die Verschränkung seiner Beine und flog auf sie zu. »Dann wird es wohl besser sein, du bleibst hier. […]

Den Teufel Teufel sein lassen
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Der Wind ließ die Wellen in rhythmischen Abständen gegen den Rumpf des Hausbootes klatschen. Sie hatte sich in dem großen Ohrensessel zurückfallen lassen, den Körper etwas verkrümmt und scheinbar intuitiv mit ihrer rechten Hand an ihre Bernsteinhalskette gefasst. Nun, nur wenige Sekunden später, trat offensichtlich körperliche Entspannung ein. Ein ungeübter Beobachter hätte diese Sequenz vermutlich […]

13
Nach hause kommen
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Mitten in der Nacht fällt ein Steinchen auf meine Bettdecke. Irgendwie habe ich das erwartet. Hinter dem Riss schräg über meinem Bett kann ich die verdammte Steinwand sehen und wach bin ich sowieso. Das Lauschen der anderen dröhnt durchs Haus. Erst wenn Mamas Schlüssel irgendwann widerspenstig ins Schlüsselloch sticht, ziehen sie ihre Ohren mit einem […]

Viele Grüße und auch sonst …
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Wann hat die Talfahrt begonnen? Egal, er fühlt sich nicht so. Alles Quatsch. Nein, er ist auf dem Gipfel. Er kann auf Hilfe verzichten. Die Frau raus aus dem Haus. Er kann tun was er will. Alles andere Nebensache. Abends endlich sein Bier ohne Vorwürfe trinken, ein zwei Schnäpschen dazu. Nur ein kleines keuchendes schlechtes […]

Zwischen den Ewigkeiten
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Was soll bleiben, fragt der alte Mann zwischen seinen tausenden Falten heraus der jungen Frau, die seit zwei Jahren bei ihm lebt, über den Schüsselrand hinweg ins fremd vertraute Gesicht, das für ihn lächelt, vierundzwanzig Stunden lang am Tag. Sie versteht nicht, was er meint, ihr Deutsch ist gut, daran liegt es nicht, inzwischen weiß […]

Gigant
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Stalin war ein Koloss. Er war ein Monstrum. Von der zum Sieg erhobenen Hand bis zu seinen eisenbeschlagenen Stiefeln waren es sicher zehn Meter. Vielleicht sogar mehr, wer weiß? So hoch war er, dass er alles überblicken konnte. Bis zum Horizont. Er war ein Gigant. Weiß schimmerte der Marmor, von dem er gemacht war. Ein […]

17Petra
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In leidlichem Englisch und lebhaft gestikulierend erläutert der Fremdenführer ihnen die Wasserversorgung der Ruinenstadt. Die Nabatäer hatten schon Jahrhunderte vor Christus ein komplexes System von Aquädukten, Terracottaröhren und Zisternen angelegt, das Petra zu einer künstlichen Oase in der Wüstenlandschaft machte. Der junge Jordanier hat schulterlange, schwarze Locken und große, dunkle Samtaugen, die vor Begeisterung glänzen, […]

Feldspat, Quarz und Glimmer
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Als unser alter Pfarrer starb, ging das ganze Dorf auf sein Begräbnis. Auch wir Schulkinder kamen, hatte er uns doch in der Volksschule in Religion unterrichtet. Für mich mit meinen sieben Jahren war es das erste Begräbnis, dessen Zeugin ich geworden war. Fassungslos kehrte ich vom Friedhof zurück. Man hatte den Pfarrer also in eine […]

…und der Duft nach Weiß
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1970, in einem Dorf in Bulgarien „Sag Maminka yao, sag Mama Tschüss!“ Meine Großmutter, meine geliebte Baba, versuchte mich immer wieder von meinem Sandkasten wegzuziehen, aber ich ließ es nicht zu, denn ich hatte dort soeben einen verheißungsvoll glitzernden Stein eingegraben. Vielleicht ein Zauberstein. Er war hart und grau und dennoch glitzerten in ihm tausend […]