Das Goldfischmodell der Wirklichkeit

Die Frage nach der Wirklichkeit hatte auch Stephen Hawking beschäftigt, denn physikalische Theorien beschreiben Szenarien, die man sich nur schwer vorstellen kann. Dazu beschrieb er das Modell eines Goldfisches in seinem kugelförmigen Aquarium, der durch dieses Glas die Welt um sich herum betrachtet. Doch das, was der Goldfisch sieht, ist nicht die Wirklichkeit, denn er sieht nur eine verzerrte Ansicht der Realität, wobei etwa die von ihm entwickelten Naturgesetze völlig von denen abweichen, die Lebewesen also auch die Menschen außerhalb dieser Kugelwelt formulieren würden. Es gibt daher keinen abbild- und theorieunabhängigen Realitätsbegriff, sondern nur einen modellabhängigen Realismus, der die Elemente eines Modells der Welt mit den eigenen Beobachtungen verbindet bzw. mehr oder minder in Einklang bringt, um das Überleben zu sichern.

Auch das menschliche Gehirn arbeitet nach diesem modellabhängigen Realismus, doch sind die menschlichen Sinne mangelhaft, denn schon die Augen sehen ein stark verzerrtes Bild, aus dem erst das Gehirn etwas macht, das man als Wirklichkeit wahrnehmen kann. Schon früh in der Psychologie wurde das Phänomen der Umkehrbrille untersucht, die das gesehene Bild umdreht, die Umwelt verzerrt oder seitenverkehrt wiedergibt, also an die eigentlichen physikalischen Tatsachen anpasst. Nach einigen Tagen hat sich das Gehirn an dieses neue Bild gewöhnt und korrigiert den Sehfehler und die Umwelt erscheint wieder ganz normal. Hat sich das Gehirn auf die neuen Sehinformationen umgestellt, braucht es nach Abnahme der Umkehrbrille in der Regel genauso lange, um die normalen Bilder wiederherzustellen. Diese Brillenversuche von Stratton, Kohler und anderen haben auf die unterschiedlichen Fähigkeiten eines Organismus hingewiesen, multimodale, bedingte Invarianzen zu bilden und im Sinne einer Korrektur der Transformation bei der Wahrnehmung der Realität zu nutzen.

Diese berühmte Umkehrbrille kann man übrigens im Würzburger Adolf-Würth-Zentrum sehen bzw. ausprobieren.



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