Kann man von seinem eigenen Standpunkt aus Gewalt gutheißen?

Es gibt Situationen, in denen Menschen die Anwendung von Gewalt als moralisch für gerechfertigt halten. Menschen werden bekanntlich durch gemeinsame soziale Werte motiviert, die, wenn sie mit entsprechender moralischer Überzeugung vertreten werden, als zwingender Auftrag dienen können, ideologisch motivierte Gewalt auszuüben. Obwohl also die meisten Menschen jede Form von Gewalt ablehnen, gibt es dennoch Situationen, in denen diese befürwortet wird. Innerhalb einer Gruppe kann z. B. die gemeinsame Ablehnung anderer für einen starken Zusammenhalt sorgen, denn gemeinsame Feindschaft verbindet. Workman et al. (2020) haben nun in einer Studie diese dunkle Seite der Moral untersucht, indem sie spezifische kognitive und neuronale Mechanismen identifizieren konnten, die mit Überzeugungen über die Angemessenheit von gesellschaftspolitischer Gewalt verbunden sind, und haben festgestellt, inwieweit das Engagement dieser Mechanismen durch moralische Überzeugungen vorhersagbar ist. Man zeigte dazu Probanden Bilder, die politische Gewalt in Form von körperlichen Angriffen darstellen und maßen dabei ihre Gehirnaktivität. War auf den Bilder zu sehen, dass sich die Gewalt gegen eine Person gerichtet hat, deren politischer Haltung sie ablehnten, wurde das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Aufgrund ihrer moralische Überzeugung konnten sie daher den Einsatz von Gewalt in diesen Fällen demnach gut nachvollziehen. Das bedeutet, ob Menschen Gewalt gut finden, hängt von ihrem eigenen Standpunkt ab und von der Frage, gegen wen sich die Gewalt richtet. Offenbar erhöhen geteilte moralische Überzeugungen zu gesellschaftspolitischen Themen ihren subjektiven Wert und überlagern die natürliche Abneigung gegen Gewalt. Allerdings lässt sich durch diese Studienergebnisse nicht darauf schließen, dass die Probanden selbst gewalttätig werden würden, sondern ihre Reaktion weist eher auf die duldende Rolle eines Beobachters von Gewalt hin.

Literatur

Workman, Clifford I., Yoder, Keith J. & Decety, Jean (2020). The Dark Side of Morality – Neural Mechanisms Underpinning Moral Convictions and Support for Violence. JOB Neuroscience, 11, 269-284.