Richtig lernen in Lerngruppen

Kaffeeklatsch oder Powertruppe
Von Katharina Urbanski

Pauken Sie gerne im Team? Oder schwören Sie eher auf das Eigenstudium am Schreibtisch, weil sich Ihre letzte Lerngruppe als reine „Unilästerrunde“ entpuppt hat? Via medici gibt Ihnen Tipps, wie Sie Lerngruppenfrust vermeiden können und sich effektiv als Gruppe für Ihre Prüfung vorbereiten.

Endspurt! In zwei Wochen hat Medizinstudentin Johanne Neuse mündliches Hammerexamen. Die Spannung steigt, die gefühlten Lerntage werden kürzer, der Schlaf unruhiger und die Ernährung immer ungesünder. An diesem Abend fällt sogar die tägliche Portion Lieblingsserie dem schlechten Gewissen zum Opfer. Stattdessen trifft sie sich mit ihrer Lerngruppe. Doch dann das: Bevor sie sich mit ihren Kommilitonen über Fachfragen aus tauscht, wird zuerst einmal eine halbe Stunde über die Vor – und Nachteile diverser Pizza-Bringdienste diskutiert. Noch einmal so lange dauert es, bis sich alle auf ein Thema geeinigt haben. Mittlerweile hat die Hannoveranerin die Prüfung überstanden und stellt ernüchtert fest: „lm Großen und Ganzen waren die Treffen mit meiner Lerngruppe reine Zeitverschwendung!“ Dabei waren im Studium Lerngruppen eins ihrer Erfolgsrezepte. Woran lag es, dass es gerade in ihrer Examengruppe so schlecht gelaufen ist?

Die Chemie muss stimmen

Manchmal sind es ganz simple Dinge, an denen eine Lerngruppe scheitert. „Grundvoraussetzung ist, dass man sich sympathisch ist“, erklärt Dr. Werner Stangl, Professor am Institut für Pädagogik und Psychologie der Johannes Kepler Uni Linz. „Aber auch die Lernziele sollten auf einer Linie liegen. “ Ob das der Fall ist, muss vor Beginn der Lernphase geklärt werden. Vielleicht will sich der eine gemeinsam Wissen erarbeiten, während ein anderer nur seine Kenntnisse praktisch anwenden oder abfragen möchte. Und der perfektionistische Einser Kandidat, der hofft, sich mit einer eleganten Vorstellung im mündlichen Examen die Assistenzarztstelle gleich mit zu sichern, wird mit dem „Och, halt irgendwie bestehen“ Lernschluri kaum glücklich werden. Konflikte sind da vorprogrammiert wie bei Johanne: „Ich bin relativ ehrgeizig“, erklärt die Studentin. “ Andere in meiner Gruppe dachten, der für den schriftlichen Teil gepaukte Lernstoff müsse doch auch für das Mündliche reichen. “
Verena Hofelich hatte dagegen bereits im ersten Semester ihr „Dream Team“ gefunden. „Lustigerweise kamen wir fast alle aus Süddeutschland“, erinnert sich die Tübingerin, die in Berlin studiert. Klar, dass da das Klima stimmt! Zusammen mit ihrer Mannschaft hat sie Vorklinik und Physikum gemeistert. „Wir haben Aufgaben immer zuerst alleine gelöst, sie anschließend zusammen besprochen und uns dann gegenseitig abgefragt“, meint Verena. Andere Lerngruppen bearbeiten lieber Probleme von Anfang an gemeinsam. So bekommt jeder einen Eindruck vom Lösungsweg, andererseits werden dabei, wenn das Tempo hoch sein muss, schwächere Gruppenmitglieder abgehängt. Letztlich ist die genaue Lernmethode Geschmackssache, solange sich nur alle Mitstreiter einig sind.
Eine weitere wichtige Basis ist, dass alle Teilnehmer ein vergleichbares Vorwissen haben. „Die Lernvoraussetzung sollte möglichst ausgeglichen sein“, rät Dr. Stangl. „Wenn einer ständig die Nachhilfelehrerfunktion übernimmt, ist das für alle Seiten unbefriedigend. “ Wer sich immerzu unterlegen fühlt, verliert an Selbstvertrauen, wer ständig erklären muss, fühlt sich irgendwann ausgenutzt. Trotzdem hat natürlich jedes Gruppenmitglied auch mal das Recht auf einen schlechten Tag, auch persönliche Schwächen und Stärken sind völlig in Ordnung. „Einer von uns musste neben dem Studium sehr viel arbeiten und hatte deshalb wenig Zeit zum Lernen“, erinnert sich Verena. „Dafür hatte er aber vor dem Studium ein Semester Chemie studiert und war in dem Fach ein Ass – das hat er uns dann immer beigebracht. “

Eine Frage der Organisation

Wenn man die idealen Gruppenpartner gefunden hat, kann das Ganze immer noch an der chaotischen Organisation scheitern. Ein entscheidender Faktor ist die Größe der Gruppe. „Mit mehr als fünf Personen zu lernen ist nicht sinnvoll“, meint Dr. Stangl. „Dann klinken sich Einzelne aus, oder es bilden sich Untergruppen. “ Verena hat im Viererteam die besten Erfahrungen gemacht: „Wir fanden das immer gut. Einer mehr wäre wahrscheinlich auch noch kein Problem gewesen, dann wären es aber zu viele geworden. “ Außerdem ist es wichtig, verbindliche Termine auszumachen auch die beste Lerngruppe ist nichts wert, wenn sie sich nie trifft, weil stets etwas Wichtigeres dazwischenkommt. „Während des Semesters haben wir uns immer ein bis zwei Mal pro Woche getroffen“, erinnert sich Verena. „Und als wir für das Physikum gelernt haben, sogar drei Mal wöchentlich. “ Nur wenn es verbindliche, regelmäßige Lernzeiten gibt, können sich alle Mitglieder gut vorbereiten. Im Idealfall legt die Gruppe am Ende eines Treffens fest, was beim nächsten Mal besprochen wird. Klappt das nicht und ist jeder deshalb unterschiedlich gut mit der Materie betraut, fällt die Zusammenarbeit schwer. Darunter litt auch die Lerngruppe von Johanne: „Wenn wir uns endlich zum Beispiel auf die Untersuchung des Knies geeinigt hatten, wollten die einen das von Grund auf lernen, und andere fanden das banal. “
Bildet sich eine Gruppe und bereitet sich auf eine große Etappe wie Physikum oder Hammerexamen vor, ist es sinnvoll, gemeinsam einen Lernplan zu erstellen. Auch sollten Einzelne feste Aufgaben übernehmen. Einer kopiert Aufschriebe, ein anderer organisiert Literatur, und der Dritte für die Stimmung wesentlich sorgt für Nervennahrung und Kaffeeströme.

Potenzierter Lerneffekt

Wer die optimale Mannschaft gefunden hat, kann sich glücklich schätzen. Lernen in der Gruppe motiviert und kann Durchhängphasen der einzelnen Mitglieder abfangen. Gegen geballte Lerngruppenkraft hat selbst der hartnäckigste innere Schweinehund keine Chance. Zusammenarbeit spart kostbare Zeit, weil man lästige Nebenarbeiten aufteilen kann. Außerdem ersetzt zum Beispiel die schnelle Antwort des schlauen Nebenmannes langes Bücherwälzen und Nachschlagen. Durch den regen Austausch über persönliche Lernstrategien und -methoden kommt man vielleicht auf völlig neue Ideen und sei es nur die Anatomie-Tafel an der Klotür, die man in der Pinkelpause beim Kommilitonen findet. Wer im Team büffelt, muss seinen Wissensstand ständig mit dem der anderen vergleichen. So kommen Wissenslücken und Verständnisprobleme schon beim
Lernen ans Licht und nicht erst, wenn es zu spät ist nämlich bei der Prüfung. “lch lerne nicht gerne alleine, weil ich dann nicht weiß, wie gut ich wirklich bin“, erklärt auch Verena. “Das kann ich erst beurteilen, wenn ich die Themen mit anderen bespreche und versuche, selber anderen etwas zu erklären. “ Einmal den Lehrer zu spielen ist sowieso eine optimale Methode, um Wissen festzuklopfen. „Man lernt am besten aus Dingen, die man anderen beibringt“, bestätigt Dr. Stangl.
Jeder Mensch prägt sich Wissen auf andere Art und Weise am effektivsten ein manche durch Anschauen (visuelles Lernen), manche durch Zuhören (auditives Lernen) oder durch aktives Teilnehmen (kinästhetisches Lernen). Fast alle profitieren davon, wenn sie verschiedene Lernformen verbinden. Und wo geht das besser als in einer Gruppe? Auch Emotionen und Spaß helfen, Gelerntes zu verinnerlichen. Wer einmal gemeinschaftlich nachts zum Beispiel eine „tragische Geschichte der Gerinnungskaskade“ erfunden hat, verwechselt die einzelnen Faktoren nie wieder. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Plus bei praktischen Fragen

Besonders gut kann man sich in einer Gruppe auf eine mündliche oder praktische Prüfung vorbereiten. Wer bis dato sein Wissen nur erkreuzt hat, wird spätestens jetzt an seine Grenzen stoßen. Gruppenlerner sind dagegen optimal gewappnet. Verena kann das bestätigen: „Wir hatten eine praktische Prüfung in Rechtsmedizin. Davor haben wir die Leichenschau geübt, einer war Prüfling, einer Leiche und ein dritter der Prüfer. “ Keiner der vier hat in der Prüfung vergessen, ordnungsgemäß hinter die Ohren zu schauen. Schüchterne Zeitgenossen können in Lerngruppen ideal den Ernstfall mündliche Prüfung proben. Rollenspiele schulen den strukturierten, freien Vortrag und das souveräne Argumentieren. Und wer sich selber schon mal fiese Fragen ausgedacht hat, den schreckt der echte Prüfer nicht mehr. “Ich merke, wenn Prüflinge in Gruppen gelernt haben“, bestätigt Dr. Stangl. „Die kleben nicht so am Begriff, wie Studenten, die nur gemarkert und auswendig gelernt haben. In Gruppen ist man gezwungen zu reden und kann nicht nur Stichwörter benutzen. “ Und sogar Johanne findet im Nachhinein etwas Gutes an der gemeinsamen Vorbereitung für das mündliche Examen: „Ich war weniger aufgeregt, weil ich meine Prüfungsgruppe kannte und wusste, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen. “

Was tun, wenn’s hapert?

Doch auch bei optimaler Lerngruppenkonstellation: Vorsicht vor Stolperfallen! Es gibt einige typische Situationen, die wohl jeder Lerngruppenlerner kennt, in denen man sich am liebsten wieder an den einsamen Schreibtisch zurückwünscht: Die Zeit bis zum Testat wird knapp, trotzdem erzählt die Gruppenkollegin lieber lang und breit von ihrer Abendplanung, als sich auf den Lernstoff zu konzentrieren. Und den Rest der Gruppe scheint das gar nicht zu stören! „Die Gefahr, dass man sich gemeinsam auf die Flucht begibt, besteht natürlich in einer Gruppe immer“, meint auch Dr. Stangl. „Am besten gibt man Lerntreffen deshalb einen festen zeitlichen Rahmen und plant davor, danach oder in den Pausen genug Zeit für Privates ein. “ Und mal ehrlich wer hat nicht auch schon alleine zu Hause mit Genuss lange Telefonate mit der Freundin geführt, wenn er eigentlich vor den Büchern hätte sitzen sollen? Auch frustrierend: Person A benutzt die Lerngruppe nur als Plattform, um zu beweisen, dass sie eigentlich sowieso viel mehr weiß als der Rest. Oder Person B kommt zum x ten Mal unvorbereitet zum Treffen und lässt sich den Stoff nur vorkauen. Oder Person C kommt erst gar nicht, weil mal wieder ein wichtiger Termin dazwischenkam. Solche Probleme dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden, sondern müssen auf den Tisch. „Grundsätzliche Probleme müssen unbedingt angesprochen werden“, rät Dr. Stangl. Einzelne Gruppenmitglieder, die dominieren oder trittbrettfahren, gestörte Kommunikation, schlechte Absprachen oder nicht ausgesprochene oder nicht erfüllte Erwartungen an die Gruppe müssen thematisiert werden, sonst ist auf Dauer keine konstruktive Zusammenarbeit möglich. Sinnvoll und legitim ist es auch, sich von Zeit zu Zeit ehrlich zu fragen: „Profitiere ich wirklich von der Gruppenarbeit?“ Notfalls sollte man sonst konsequent genug sein, um zum Selbststudium oder in eine andere Lerngruppe zu wechseln. “Manchmal reicht es allerdings auch, wenn einer sagt: So Leute, jetzt hören wir auf und trinken ein Bier“, meint Dr. Stangl. Lernzeit ist schließlich immer auch Stresszeit, und mit etwas Abstand sieht so mancher Konflikt gleich viel freundlicher aus.
Verena ist inzwischen im fünften, klinischen Semester und würde im Zweifelsfall sogar ein Freisemester einlegen, damit sie sich gemeinsam mit „ihrer“ Lerngruppe auf das Examen vorbereiten kann. Johanne hat die mündliche Prüfung mit Bravour gemeistert trotz Lerngruppenpleite. Im Team zu pauken ist für sie immer noch erstrebenswert. Nicht zuletzt, weil man hier lernt, mit Konflikten umzugehen, trainiert zu kommunizieren und sich in Toleranz übt. Dieser Zuwachs an sozialen Kompetenzen ist vielleicht das wichtigste Argument, das für das Lernen in der Gruppe spricht.

Katharina Urbanski studiert im 12. Semester Medizin in Hannover und bereitet sich mit einer Lerngruppe gerade selbst auf ihr Hammerexamen vor.

Quelle: Via medici 2, 2008



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.