Studieren und Arbeiten

Die Zahl der berufstätig Studierenden steigt. Wie kann der Spagat gelingen? Was sollte man beachten?

VON CLAUDIA DABRINGER

„Hirnkastl muss frei sein“

Von den rund 263.000 Studenten Österreichs arbeiteten im Wintersemester 2009/10 rund 61 Prozent – zwei Drittel von ihnen durchgehend (Quelle: IHS 2010). Durchschnittlich 20 Arbeitsstunden fielen dabei an – je nach Sektor und Studienform gab es natürlich erheblich Unterschiede (siehe Kasten). Doch allen gemeinsam ist die spezielle Herausforderung: Warum tut man sich das eigentlich an? Und: Wie gelingt die Vereinbarkeit?

„Zeit der Entbehrung“

„Die Trias Beruf, soziales Umfeld und Studium muss vernünftig vereinbart sein, will man erfolgreich berufsbegleitend studieren“, sagt Martin Lehner, Projektleiter des „Forums Hochschuldidaktik für berufsbegleitende Studien DICFO“ an der Fachhochschule Technikum Wien. Die Familie sollte die Entscheidung zur Weiterbildung mittragen, auch der Arbeitgeber sollte Bescheid wissen, rät Lehner. Herbert Jodlbauer, Dekan der Fakultät für Management am Campus Steyr, spricht von einer „Zeit der Entbehrung“, rät, „sich genau zu überlegen, worauf man sich einlässt“. Vor allem im Job müsse die Entscheidung akkordiert sein: „Idealerweise unterstützt der Arbeitgeber den Studierenden, indem er mit ihm flexible Arbeitszeiten vereinbart oder ihm anderweitig entgegenkommt.“

Im Vergleich zu Universitäten bieten Fachhochschulen spezielle Studiengänge für Berufstätige an. Laut „uni:data“, dem hochschulstatistischen Informationssystem des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, haben im Studienjahr 2009/2010 5403 berufsbegleitend Studierende mit ihrer Ausbildung an einer Fachhochschule begonnen, 8910 Studenten starteten mit ihrem Vollzeitstudium. Nicht alle von ihnen halten nach der Studienzeit ein Zertifikat in der Hand. „Die Drop-out-Raten berufsbegleitend Studierender liegen beispielsweise an den Fachhochschulen zwischen 15 und 25 Prozent. Beinahe jeder Vierte hört also wieder auf“, erläutert Wilfried Hackl, Leiter des Instituts für  Ausund Weiterbildungsentwicklung Educon, Berater für den Weiterbildungs- und Hochschulsektor und Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und Fachhochschulen in ganz Österreich. Und gerade deshalb sei es unabdingbar, sich der eigenen Ziele und des Zwecks eines Studiums sehr bewusst zu sein. „Will ich mich verändern, beruflich weiterkommen oder meine aktuelle Berufstätigkeit professionalisieren? Es empfiehlt sich sehr, auf Erfahrungen aus fordernden, belastenden Phasen im bisherigen Leben zurückgreifen und die eigene Belastungsfähigkeit zu analysieren, bevor man die Mehrfachbelastung durch ein Studium in Kauf nimmt“, so Hackl.

Selbstmanagement

Entscheidet man sich trotzdem für die Dreifach-Schiene aus Privatleben, Beruf und Studium, muss ein durchdachtes Selbstmanagement her. Vor allem zu Beginn, „wenn die Anfangseuphorie noch nicht von den alltäglichen Belastungen wie Zeitknappheit, Verzicht auf Freizeit, Überschneidungen von Beruf und Studium verflogen ist. Nach einer ein- oder zweiwöchigen Zeitbudgetanalyse sollte man sich möglichst realistische Ziele, etwa zunächst nur einmal für ein Semester, setzen“, sagt Werner Stangl, Assistenzprofessor am Institut für Pädagogik und Psychologie der Universität Linz. Was nicht zu vergessen sei: die Lernpausen und Regenerationsphasen. Und man sollte sich nicht davor scheuen, „die Zielvorstellungen etwas zu reduzieren, wenn man das Gefühl hat, dass einem alles irgendwie über den Kopf wächst“.

Lernen ist ein Erfahrungsprozess, der bei jedem Menschen individuell abläuft – je mehr man über seine eigene Lernstrategie weiß, umso besser. „Die Erfahrung zeigt, dass Metakognition, also die Methode der Selbstbeobachtung und -reflexion, sich als hoch erfolgreich für die Analyse des eigenen Lernstils und dessen Weiterentwicklung erweist. Hierfür kann man ein ,Learning Log‘ über mehrere Wochen einsetzen“, sagt Wilfried Hackl. Darunter versteht   man ein Lerntagebuch, bei dem man Zeitrahmen und gewünschtes Ergebnis, Erfolg und Hilfreiches, Hemmendes sowie Schlussfolgerungen notiert. „Dadurch gelingt vielen etwas Münchhausenhaftes: sie ziehen sich am eigenen Zopf aus dem Schlamassel und lernen, besser zu lernen.“

Lernrituale

Eine andere Art, sich und seine Lernmethoden zu optimieren, funktioniert durch eine Typisierung (siehe Interview). Allerdings warnt Werner Stangl: „Eine solche Feststellung des eigenen Lerntyps mit Hilfe eines kleinen Tests kann nur ein Einstieg dafür sein, sich mit dem Thema ’Wie lerne ich überhaupt?’ auseinanderzusetzen.“ Nicht ganz unwesentlich für das Aneignen von Wissen ist der Lernplatz. Dort, wo Schnuller neben Skipass liegt, könnte das schwerfallen. Oder doch nicht? „Man muss gerne an diesem Platz sein und sich wohlfühlen“, sagt Martin Lehner. Das Notwendige muss griffbereit sein, Ablenkung in weiter Ferne. Als Lerneinstieg empfiehltWerner Stangl ein Ritual, etwa, etwas zu trinken oder vor dem offenen Fenster ein paar tiefe Atemzüge zu machen. Und was rät Jodlbauer? „Das Hirnkastl muss frei sein von störenden Faktoren

Die Zahl der während des Semesters erwerbstätigen Studenten steigt. Je nach Sektor variieren die Zahlen beträchtlich.

  • Wissenschaftliche Unis: 61% (Arbeitsstunden/Woche: 19)
  • Kunstunis: 72% (16 Stunden)
  • Pädagogische Hochschulen: 57% (17 Stunden)
  • Fachhochschulen: 42% bei Vollzeitstudien (13 Stunden), 92% bei berufsbegleitenden Studiengängen (38 Stunden)

Quelle: Studierenden-Sozialerhebung 2009/Überarbeitung 2010

Quelle:  DIEPRESSE.COM/BILDUNG vom SAMSTAG/SONNTAG, 19./20. FEBRUAR 2011

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.