Warum man dem Prüfer nicht in die Augen schauen sollte!

Erwachsene wenden ihren Blick bei der Beantwortung einer Frage oft automatisch ab, um Unwichtiges auszublenden und so besser nachdenken zu können. Kinder müssen diese Strategie des Wegschauens erst erlernen. In einer englischen Studie wurde eine Gruppe von Fünfjährigen darauf trainiert, ihr Gegenüber bei der Lösung einer Kopfrechnung bewusst nicht anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit eines korrekten Ergebnisses erhöhte sich gegenüber einer Kontrollgruppe deutlich. Bei Experimenten mit Erwachsenen stellten die Forscher Ähnliches fest. Wurden die Versuchsteilnehmer jedoch gebeten, zum Beispiel in Siebener-Schritten von 100 rückwärts zu zählen und dabei in ein menschliches Gesicht zu schauen, kam es häufig zu Stressreaktionen. Die Anstrengung von gleichzeitiger Konzentration auf Aufgabe und Gesicht brachte die Probanden ins Schwitzen, vor allem Männer, wenn sie während des Rechnens eine Frau ansehen mussten. LehrerInnen sollten besonders VolksschülerInnen daher bei der Beantwortung einer Frage ermutigen wegzuschauen.

Bestätigt wird das in einer Untersuchung von Kajimura & Nomura (2016). Diese haben Interferenzen beim Blickkontakt untersucht, da sie vermuten, dass beide Prozesse kognitive Ressourcen eines domänenübergreifenden Systems teilen, d. h., dass ein Einfluss des Blickkontakts auf die gleichzeitige sprachlichen Prozesse wie Abruf und Auswahl besitzen. In einem Experiment verzögerte das Betrachten eines Films von Gesichtern mit auf den Betrachter gerichteten Augen die Produktion von Assoziationen zwischen Wörtern mehr als ein Film von Gesichtern mit abgewendeten Augen. Dieser Effekt war jedoch nur dann vorhanden, wenn sowohl die Abruf- als auch die Auswahlanforderungen an die Begriffe hoch waren, d. h., bei bei komplexeren Assoziationen oder bei Wörtern, zu denen es zahlreiche mögliche Kombinationen gibt. Die Ergebnisse deuten demnach darauf hin, dass Blickkontakt nicht per se mit der Suche nach den passenden Wörtern zusammenhängt, sondern erst dann, wenn der Sprechende auf ein Wort stößt, über das er aktiv nachdenken muss, kann das im Gehirn zu Konflikten und daher zu Verzögerungen im Gespräch führen.

Literatur

Kajimura, Shogo & Nomura, Michio (2016). When we cannot speak: Eye contact disrupts resources available to cognitive control processes during verb generation. Cognition, 157, 352-357.
Stangl, W. (2019). Schau deinem Prüfer nie in die Augen!. Werner Stangls Psychologie News.
WWW: https://psychologie-news.stangl.eu/49/schau-deinem-pruefer-nie-in-die-augen (2019-10-09).



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