Wie kann man mit Langeweile umgehen?

Das erzwungene Nichtstun, wie man die Langeweile auch bezeichnen könnte, kann man mindern, indem man seinen Tagen eine Struktur gibt, d. h., man sollte schon heute planen, was man am nächsten Tag machen möchte. Das hilft oft dabei, eine situative Frustration zu reduzieren und teilt den Tag in kleinere Einheiten. Hinzu kommt, dass das Empfinden von Sinnhaftigkeit in solchen Zeiten der Langeweile hilfreich sein kann, diese erlebte Form einer Isolation zu durchbrechen.

Im Übrigen ist Langeweile viel besser als ihr Ruf, auch wenn sie sich kurzfristig nicht besonders angenehm anfühlt, kann sie doch alles andere als vertane Zeit sein, denn in Zeiten der Langeweile, wenn man keine neuen Reize aufnimmt, ist die Psyche natürlich nicht untätig, denn nun hat sie Zeit sich zu sortieren, neu zu ordnen. Dadurch kann Langeweile auch zu einer Quelle der Kreativität werden (siehe unten). Die jüngere Generation ist in einer Langeweile-freien Welt aufgewachsen und auch die älteren Generationen haben sich längst an ein Angebot von nie endenden Möglichkeiten gewöhnt, sodass sie in einer Zeit der Digitalisierung und Globalisierung noch lernen müssen damit umzugehen.

Viele Menschen versuchen in Augenblicken der Langeweile fast panisch eine neue Ablenkung zu finden, doch sollte man einmal versuchen, sich auf die Langeweile einlassen, sich gemütlich hinzusetzen und die Langeweile zulassen. Dieser Zustand kann eine gute Möglichkeit sein, wieder in engeren Kontakt mit sich selbst zu kommen. Man kann sich dabei Fragen stellen: Wie geht es einem gerade? Was macht der Körper? Wie fühlt er sich an? Welche Gedanken tauchen auf? Oft kommen in einer Zeit der Langeweile kreative Ideen, neue Einfälle zu Problemen oder alte Ideen aus früheren Zeiten, die man vielleicht jetzt angehen könnte. Vielleicht haben manche dabei Lust, wieder kreativ tätig zu werden.

Die Situation der Langeweile ist in der Regel nur momentan, der Umgang damit ist variabel und die innere Haltung dazu ist frei wählbar. Langeweile muss also kein Feindbild sein, denn sie hat, wie die meisten Dinge, eine gute und eine schlechte Seite.

Tipp: Wie man sich richtig langweilt.


Langeweile und Kreativität

Selbst wenn Menschen nichts tun, ist ihr Gehirn aktiv, wobei vor allem jene Hirnregionen hochgefahren werden, die eine zentrale Rolle spielen, wenn neue, originelle Ideen entwickelt werden. In Untersuchungen wurde versucht zu klären, ob Nichtstun wirklich zu erhöhter Kreativität führt. In einer kürzlich von veröffentlichten Studie wurde festgestellt, dass Probanden sich tatsächlich genau dann Dinge bildlich besser vorstellen können, wenn der visuelle Cortex weniger aktiv ist, was zunächst kontraintuitiv klingt, denn Gehirnareale, die Sinnesreize verarbeiten, sind immer dann am aktivsten, wenn sie durch Außenreize stimuliert werden. Fallen diese Außenreize weg, oder werden sie weniger durch sie aktiviert, haben offenbar interne Signale, die aus anderen Gehirnbereichen an Sinnesareale wie den visuellen Cortex gesandt werden, einfacher, wahrgenommen zu werden. Diesen Zusammenhang fanden Keogh et al. (2020) sowohl bei Vergleichen zwischen Personen als auch innerhalb einer Person, wobei bei denjenigen, die eine stärkere bildliche Vorstellungskraft hatten, der visuelle Cortex weniger aktiv und erregbar war. Wenn man jedoch die Aktivität des visuellen Cortex mithilfe der transkraniellen Gleichstromstimulation minderte, konnten die Probanden ihre Vorstellungskraft steigern. Eine gesteigerte Vorstellungskraft ist kreativen Einfällen zwar enorm zuträglich, doch es gibt aber auch andere Gehiirnregionen wie das Default Mode Network, das beeinflusst, dass Langeweile oder Reizarmut die Kreativität anregen.
Das Default Mode Network erstreckt sich über viele Bereiche des Gehirns und umfasst Teile des Präfrontalhirns im Stirnbereich, des posterioren zingulären Cortex im Hirninneren, des mittleren Schläfenlappens und des oberen Scheitellappens. Die Aktivität dieses Netzwerkes geht mit Tagträumerei einher und ein Mensch ist umso kreativer, je stärker dabei bestimmte Teile miteinander vernetzt sind. Entscheidend ist dabei offenbar vor allem die Vernetzung zwischen den präfrontalen und parietalen Teilen des Netzwerks, also zwischen Stirn- und Scheitellappen, das bestimmt, wie flexibel Menschen ihr Denken und Verhalten steuern können. Aber auch andere Komponente des Default Mode Netzwerks sind aber für den Einfallsreichtum entscheidend sein, etwa der mittlere Schläfenlappen (medialer Temporalcortex). Dieser ist von zentraler Bedeutung für die Fähigkeit, Wissen abzuspeichern, sich an vergangene Ereignisse zu erinnern und zukünftige vorzustellen. Steckt man in einem kreativen Schaffensprozess, macht man ja im Grunde nichts anderes, als bereits bestehendes Wissen, Erinnerungen und vorliegende Informationen neu miteinander zu verknüpfen, sodass es naheliegend ist, dass der mediale Temporallappen auch für solche Denkprozesse von Bedeutung ist. Eine Studie von Thakral et al. (2020) stützt diese Annahme, denn in dieser hemmte man mittels transkranieller Magnetstimulation die Aktivität in einem Teil des Hippocampus, der zum medialen Temporalkortex gehört. Wie erwartet, sorgte das nicht nur dafür, dass die Studienteilnehmer gedanklich weniger Details von zukünftigen Ereignissen durchspielten, sondern sie produzierten auch eine geringere Anzahl kreativer Ideen. Hemmte man hingegen ein anderes Gehirnareal, verschwand dieser Effekt. Zwar kann ein weniger aktiver visueller Cortex und ein aktiveres Default Mode Network, also Langeweile und Nichtstun die Kreativität beflügeln, doch ist nicht davon auszugehen, dass Langeweile generell zu erhöhtem Ideenreichtum führt, denn es gibt dabei auch Faktoren, die ihn schmälern könnten. Ob Menschen kreative Geistesblitze haben, hängt nämlich auch von ihrer Laune und ihrem Aktivierungszustand ab, denn sind sie wütend oder glücklich, sind originelle Einfälle sehr viel wahrscheinlicher, als wenn sie traurig, melancholisch oder einfach nur ruhig und entspannt sind.

Literatur

Keogh, Rebecca, Bergmann, Johanna, Pearson, Joel, Kahnt, Thorsten, de Lange, Floris P., Dijkstra, Nadine (2020). Cortical excitability controls the strength of mental imagery. eLife, doi:10.7554/eLife.50232.
Thakral, Preston P., Madore, Kevin P., Kalinowski, Sarah E., Schacter, Daniel L. (2020). Modulation of hippocampal brain networks produces changes in episodic simulation and divergent thinking. Proceedings of the National Academy of Sciences, 117, 12729-12740.
https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/produktive-langeweile/ (20-07-29)

Weitere Quelle

Die Psychologin Sabrina Krauss in idw-online.de im April 2020

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