Brauchen Schüler strengere Regeln?

Lehrer verbieten Schülern das Küssen. Polizei, Psychologen und Pädagogen stellen eine massive Zunahme von gewalttätigen Übergriffen in den Schulen fest. Doch wie mit diesem Problem umgehen: Mehr Zeit für die Jugend nehmen? Klarere Regeln aufstellen? Oder ganz einfach nur härter durchgreifen?

Herbert Arzt, Direktor BG/BRG Wels-Schauerstraße
Wir brauchen an unserer Schule nicht strengere Regeln, wir brauchen mehr Aufsicht. Denn die Einhaltung der Hausordnung muss kontrolliert werden. Ich bin jetzt mehr als früher in unserem Haus unterwegs – das wirkt natürlich.
Vielleicht ist das eine Chance für ein Sozialprojekt mit „jungen“ Pensionisten: Wer sich gerne in Erziehungsfragen engagiert, kann sich bei uns in der Aufsicht engagieren.
Die Disziplin ist gegenüber früher schlechter geworden: Die Schüler sind unruhiger und haben viel weniger Respekt vor den Lehrern.

Hans Schachl, Rektor Pädagogische Hochschule der Diözese
Schüler brauchen grundsätzlich Regeln, die auch konsequent umgesetzt werden. Ich würde die Forderung nach strengeren Regeln mit der nach konsequenteren übersetzen.
Das Schlagwort dahinter heißt Verhaltensvereinbarung. Bestimmtes Verhalten muss bestimmte Konsequenzen nach sich ziehen. Ein Beispiel: Wenn ein Schüler mutwillig die Pausenglocke herunterreißt, macht es keinen Sinn, ihn hundert Mal einen Satz schreiben zu lassen. Er muss sein Verhalten wiedergutmachen. Konsequenzen müssen logisch zum Verhalten passen.

Werner Stangl, Universitätsprofessor
Schüler brauchen weniger strenge Regeln. Die, die es gibt, sollten strenger und einheitlicher durchgehalten werden. In der Schule ist es wie in der Erziehung der Eltern – wenn die Mutter für das Kind Regeln aufstellt, muss sich auch der Vater daran halten.
Bestehende Regeln sollten also konsequenter eingehalten werden. Das Wort Strenge ist dabei sehr individuell auslegbar. Ein Kind hat dabei andere Vorstellungen als seine Eltern. Strenge ist auch eine Verhandlungssache. In der Erziehung braucht es vor allem den Dialog miteinander.

Katharina Höglinger, Studentin
Nein, Schüler brauchen keine strengeren Regeln. Ich denke, dass damit nicht viel erreicht werden kann. Ich wünsche mir für meine Tochter neue Formen des Unterrichts, weg vom Frontalunterricht, wie er noch an vielen Schulen praktiziert wird.
Bestehende Regeln sollten meiner Meinung nach konsequenter eingehalten werden. Das soll aber nicht nur für Schüler gelten. Auch Lehrer sollten sich an Regeln halten. Wichtig ist der Dialog zwischen Lehrern und Schülern. Nur so kann gegenseitiges Verständnis und Respektieren entstehen.

Theresa Bahn, Schülerin
In unserer Schule herrscht keine Gewalt. Schon gar nicht habe ich den Eindruck, dass irgendjemand Angst hat. Das gilt sowohl für die Schüler als auch für die Professoren. Strengere Regeln halte ich daher für unnötig und wenig sinnvoll. Wir haben auch kein Kuss-Problem.
Wer intelligent ist, hält sich an die Richtlinien. Jede Schule hat eine Hausordnung. Und gibt es einmal wirklich Ärger, wird die Angelegenheit halt ausgeredet – und zwar ganz friedlich.

Wolfgang Ratzinger, Rektor Pädagogische Hochschule des Bundes
Jede Schule soll für sich selbst Verhaltensregeln aufstellen und das funktioniert momentan auch sehr gut. Was weniger gut funktioniert, ist die konsequente Einhaltung dieser Regeln. Hier müsste man ansetzen.
Wichtig sind Fairness, ein respektvoller Umgang untereinander, aber auch gegenüber den Lehrern. Diese Punkte sollten konsequent eingehalten werden. Wenn es Probleme damit gibt, sollte das Schulforum über eine Nachjustierung entscheiden können. Lehrer sollten ihre Rechte einfordern können, genauso sollten das aber auch Schüler tun.

Dominik Niederberger, Schüler, Rainbach
Ich glaube nicht, dass Schüler noch strengere Regeln brauchen, denn die Regeln sind schon streng genug. Wir brauchen ja auch unsere Freiheiten. Die Erwachsenen sehen alles viel zu eng.
Das Geküsse der Mädels zum Beispiel ist kindisch, aber nicht schlimm. Den Sinn in den ganzen Verboten sehe ich nicht. Und außerdem: Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden.

Werner Leixnering, JugendPsychiater
Grundsätzlich brauchen Schüler auf jeden Fall Regeln. Sie müssen nicht unbedingt strenger sein, aber immer nachvollziehbar, konsequent und verstehbar. Ob strengere Strafen Sinn machen? Ja, im Sinne einer Konsequenz. Etwa, dass ein Schaden wiedergutgemacht werden muss, oder Ersatz zu leisten ist. Jemanden zum Beispiel etwas 25 Mal zur Strafe abschreiben zu lassen, halte ich für einen völligen Schwachsinn.

Edgar Zauner, Sonderschullehrer in Sattledt
Strengere Regeln sind nicht notwendig, das Regelwerk ist ausreichend. Es fehlen die Ressourcen, um die Einhaltung zu kontrollieren. Was mache ich, wenn ich mit einem Schüler den Raum verlassen muss, aber nach längstens fünf Minuten wieder drinnen sein soll, damit der Unterricht nicht leidet?
Probleme müssen aufgearbeitet werden, es darf nicht heißen: Schwamm drüber. Unsere Hausordnung spricht das „Wir-Gefühl“ an: Wir tragen Hausschuhe. Nicht: Du musst Hausschuhe tragen! Es muss erklärt werden, weshalb Aludosen oder Handy nicht erlaubt sind.

Christian Hoflehner, Bankangestellter
Ich glaube, dass teilweise strengere Regeln sinnvoll sind, weil die Schüler zu wenig Grenzen kennen. Am Land ist es besser, weil die Eltern den Kindern mehr Aufmerksamkeit bieten.
Die Regeln sollten sowohl in der Volks- als auch in der Hauptschule gelten, obwohl den Eltern bei der Erziehung nach wie vor die Hauptaufgabe zukommt. Um die Kinder bessern betreuen zu können, wäre die Schaffung von mehr Nachmittagsbetreuung in der Schule anzustreben, um den Lernschwachen zu helfen und gute Schüler zu fördern.

Quelle: OÖN vom  22. November 2008

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