Gegen das Bulimie-Lernen

Der Bildungsphilosoph Julian Nida-Rümelin kritisiert das Bildungssystem, denn die philosophische Grundidee „Was macht den Menschen aus und wie kann er sein Potenzial entfalten?“ sei abhandengekommen. Der Konflikt beginnt seiner Meinung nach vor 2500 Jahren, in der griechischen Klassik, in der die Polemik zwischen den Sophisten, die Bildung als Mittel für andere Zwecke, sprich Macht und Ökonomie, verstehen, und den Sokratikern, die für selbstständiges und kritisches Denken plädieren, entstand. Bildung ist für sie ein Weg zur Selbstfindung. Das hat Sokrates den Kopf gekostet, weil er die Jugend gegen die Autoritäten aufwiegelte. Mit den Sophisten begann eine eher unfruchtbarere Zeit der Philosophie, deren oberstes Gebot, die Suche nach Wissen dem Bedürfnis wich, politische Führungskräfte zu formen, die neue Eroberungen planen und durchsetzen können. Die Sophisten übernahmen dabei die Rolle der Ausbilder, und waren übrigens die ersten Philosophen, die sich für ihre Arbeit bezahlen ließen, etwa Protagoras, Gorgias, Prodkus, Thrasymachos, Antiphon oder Kallikles.

Heute hat PISA diese eine langanhaltende Fehlentwicklung beschleunigt, nämlich die Instrumentalisierung von Bildungsinhalten. Wenn man das wirklich will, dann müsste man ein Bildungssystem wie in Shanghai einführen. Das ist abschreckend: hohe Suizidrate, die Kinder arbeiten bis 23 Uhr, werden von Eltern und Lehrern gepiesackt und gedrillt. Das Ergebnis ist eine Schwäche im Bereich Kreativität. Die Kinder sind abgerichtet, aber keine eigenständigen Persönlichkeiten.

Viel dieser Entwicklung ist einem Kniefall der Bildungspolitik vor der Wirtschaft geschuldet, die mehr Verwertbarkeit und weniger Persönlichkeitsbildung forderte. Das Paradoxe ist nach Nida-Rümelin, dass die Wirtschaft vor fünfzehn Jahren massiv auf eine ökonomische Ausrichtung der Bildungsinhalte drängte, doch heute ist die Wirtschaft mit den Konsequenzen extrem unzufrieden. Es gibt viele Personalchefs, die nicht wissen, was sie mit unfertigen 21-jährigen BWL-Studenten anfangen sollen, die bei Assessment-Centern alle die gleichen Antworten geben. Es gibt folglich auch aus der Wirtschaft vermehrt Stimmen, die fordern, den Kindern mehr Zeit zu lassen, um Reflexion und das eigenständige Denken zu verbessern. Vor allem muss man seiner Meinung nach schleunigst weg von diesem Bulimie-Wissen, also lernen, die Klausuren machen, bestehen, und alles wieder vergessen. Frühere Uni-Generationen wären entsetzt, heute regt sich keiner auf, weil alle Studenten diesen Modus aus der Schule kennen. Julian Nida-Rümelin plädiert daher für Vielfalt. Es gibt ein breites Spektrum an Begabungen: gestalterisch-künstlerisch, handwerklich-technisch, sozial, kognitiv. Man tendiert heute aber dazu, die nicht-kognitiven Fähigkeiten abzuwerten. Wer nicht gut in Mathe ist, soll halt Handwerker werden – das ist eine ganz komische Haltung. Nida-Rümelin verteidigt vehement die berufliche Bildung, diese sollte nicht mit dem gesellschaftlichen Makel des Scheiterns behaftet sein.

Zusammengefasst nach einem Interview mit Julian Nida-Rümelin in den OÖN vom 7. Juli 2016.