Verlust der kulturellen Identität durch die Digitalisierung

Der Kulturwissenschaftler Manfred Osten beklagt in einem Interview, dass es im Zusammenhang mit der digitalen Revolution keine passende Gedächtniskultur gibt, die auf Übung beruht, weil manfür eine kulturelle Evolution etwas braucht, was man als Identität bezeichnen könnte. Osten bezieht sich beim Begriff Identität auf Kierkegaard, nachdem das Leben nicht nur nach vorwärts gelebt wird, sondern auch nach rückwärts verstanden werden muss. Dafür baucht man aber Restbestände an Gedächtnis, in denen Herkunftskenntnisse abgelegt sind. Menschen haben heute enorme Defizite in der Kreativitätskompetenz, wenn sie sich nicht mehr an das erinnern, was eigentlich schon vorher geschaffen worden ist, um dann darauf aufbauend, die Zukunft aus der Herkunft herzuleiten. „Das gehört auch mit zu den Notwendigkeiten der kulturellen Evolution, dass wir ein Gedächtnis haben müssen, um den Fortschritt zu entwickeln. Ich denke, das ist das Problem, vor dem wir grundsätzlich heute stehen, dass wir letztlich auch Urteilskraft nur gewinnen können durch Gedächtnis. Das heißt, Qualitäts- und Selektionskompetenz gewinnen wir nur, wenn wir die Gedächtnisinhalte im Kopf haben. Wir können sie nicht herunterladen.“ Osten begründet seinen Kulturpessimismus damit, dass heute zunehmend Inhalte verloren gehen, sodass Menschen im Gespräch zunehmend Alltagsprobleme haben zwischen den Generationen, denn vile Dinge sind im Gedächtnis der älteren Generation noch gespeichert, die die jüngere Generation nicht mehr versteht. Damit ist auch der Dialog der Generationen ein Problem geworden und damit verschwindet eine gemeinsame kulturelle Identität.

Quelle

http://www.deutschlandfunk.de/kulturwissenschaftler-manfred-osten-gedaechtnisinhalte.694.de.html?dram:article_id=402849 (17-12-12)

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