Verlust der kulturellen Identität durch die Digitalisierung

Der Kulturwissenschaftler Manfred Osten beklagt in einem Interview, dass es im Zusammenhang mit der digitalen Revolution keine passende Gedächtniskultur gibt, die auf Übung beruht, weil manfür eine kulturelle Evolution etwas braucht, was man als Identität bezeichnen könnte. Osten bezieht sich beim Begriff Identität auf Kierkegaard, nachdem das Leben nicht nur nach vorwärts gelebt wird, sondern auch nach rückwärts verstanden werden muss. Dafür baucht man aber Restbestände an Gedächtnis, in denen Herkunftskenntnisse abgelegt sind. Menschen haben heute enorme Defizite in der Kreativitätskompetenz, wenn sie sich nicht mehr an das erinnern, was eigentlich schon vorher geschaffen worden ist, um dann darauf aufbauend, die Zukunft aus der Herkunft herzuleiten. „Das gehört auch mit zu den Notwendigkeiten der kulturellen Evolution, dass wir ein Gedächtnis haben müssen, um den Fortschritt zu entwickeln. Ich denke, das ist das Problem, vor dem wir grundsätzlich heute stehen, dass wir letztlich auch Urteilskraft nur gewinnen können durch Gedächtnis. Das heißt, Qualitäts- und Selektionskompetenz gewinnen wir nur, wenn wir die Gedächtnisinhalte im Kopf haben. Wir können sie nicht herunterladen.“ Osten begründet seinen Kulturpessimismus damit, dass heute zunehmend Inhalte verloren gehen, sodass Menschen im Gespräch zunehmend Alltagsprobleme haben zwischen den Generationen, denn vile Dinge sind im Gedächtnis der älteren Generation noch gespeichert, die die jüngere Generation nicht mehr versteht. Damit ist auch der Dialog der Generationen ein Problem geworden und damit verschwindet eine gemeinsame kulturelle Identität.

Die Philosophiin Sybille Krämer betont, dass das Alphabet schon eine Frühform der Digitalisierung darstellt, „denn als im antiken Griechenland die semitische Buchstabenschrift, die nur Konsonanten aufzeichnete, um Buchstaben für Vokale ergänzt wurde, eröffnete sich die Möglichkeit, den zeitlichen Strom des Sprechens aufzuschreiben. Seitdem wird das Alphabetische mit Sprachaufzeichnung verbunden. Vergessen wird dabei allerdings, dass das griechische Alphabet nicht nur Sprachlaute, sondern auch musikalische Töne und Zahlen notierte. Tatsächlich ist das Alphabet aufs engste liiert mit Zahlenschriften, insbesondere mit jenem dezimalen Positionssystem, das von indischen Mathematikern erfunden und von arabischen Gelehrten im späten Mittelalter nach Europa importiert wurde. Allzu gerne vergessen Geisteswissenschaftler, wie eng der Bund zwischen Buchstaben und Zahlen geknüpft ist und wie sehr europäische Formen der Literalität sich in einem alphanumerischen Textraum bewegen.“ Und weiter: „Die mit der Buchdruckkultur zu einem Leitmedium aufgestiegene, bebilderte und beschriftete Fläche ging mit dem Versprechen einher, das notierte Wissen dem Geheimnis zu entziehen: Alles, worauf es ankommt, ist auf der Fläche sichtbar und lesbar. Doch wenn im Zuge der Digitalisierung aus der Schreib- und Lesefläche das vernetzte Interface wird, entsteht ein neuer, undurchdringlicher, unüberschaubarer Tiefenraum hinter der sichtbaren Oberfläche, in dem Algorithmen, Protokolle und Geräte miteinander interagieren, ohne dass dies von den Nutzerinnen noch erkennbar, geschweige denn kontrollierbare ist.“

Quellen

http://www.deutschlandfunk.de/kulturwissenschaftler-manfred-osten-gedaechtnisinhalte.694.de.html?dram:article_id=402849 (17-12-12)
https://science.orf.at/stories/2939977/ (18-10-07)

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