Warum wird derselbe Kinofilm in einem Land zum weltweiten Kassenschlager, während er in einem anderen Region nur mäßig angenommen wird? Ob ein Film an den Kinokassen erfolgreich ist, hängt keineswegs allein vom Budget, bekannten Hollywood-Stars oder aufwendigen Spezialeffekten ab. Ein entscheidender, oft unbewusster Faktor liegt in den tief verwurzelten kulturellen Präferenzen des Publikums, deren Ursprünge weit älter sind als das Medium Film selbst. Wie aktuelle ökonomische und kulturwissenschaftliche Untersuchungen belegen, spiegelt sich im modernen Filmgeschmack das Erbe mündlich überlieferter Märchen, Mythen und Legenden wider.
Um diesen Zusammenhang empirisch zu untersuchen, wurden mithilfe moderner Verfahren des maschinellen Lernens die Handlungsmuster von mehr als 34.000 Spielfilmen analysiert und mit einer umfassenden Datenbank verglichen. Diese wissenschaftliche Grundlage basiert auf einem Katalog von 2.564 zentralen Motiven aus 958 mündlich überlieferten Erzähltraditionen weltweit. Durch den systematischen Vergleich derselben Filme in unterschiedlichen Märkten zeigte sich ein klares Muster: Je stärker die Handlung eines Films mit den traditionellen Erzählmotiven der jeweiligen Zielregion übereinstimmt, desto mehr Vorführungen erhält er in den Kinos und desto höhere Einnahmen erzielt er an den lokalen Kinokassen.
Ein prägnantes Beispiel für dieses Phänomen liefert der Animationsfilm Ice Age: The Meltdown. In der Handlung begeben sich die Hauptfiguren auf eine beschwerliche Reise, um sich vor einer drohenden Flutkatastrophe zu retten. In Ländern wie Ungarn oder den Niederlanden, in deren traditionalen Erzählungen Motive des Reisens und der Überwindung von Naturgefahren historisch tief verankert sind, erzielte der Film überdurchschnittlich hohe Einspielergebnisse. In Regionen wie dem Libanon oder Vietnam hingegen, wo genau dieses Motiv in der lokalen Folklore seltener auftritt, fiel die Resonanz beim Publikum deutlich geringer aus.
Ein weiteres Muster zeigt sich beim Actionfilm Fast & Furious 6, dessen Plot stark von Motiven wie Ehre, Rache und Vergeltung geprägt ist. In Ländern wie Israel oder dem Libanon, in deren traditionalen Geschichten Themen wie Vergeltung eine prägende Rolle einnehmen, verzeichnete der Film einen bemerkenswerten Erfolg. Demgegenüber stieß dieselbe Handlung in Finnland oder Großbritannien auf spürbar weniger Interesse, da Rache- und Vergeltungsmotive in der dortigen mündlichen Überlieferung eine vergleichsweise untergeordnete Stellung einnehmen.
Dieser Effekt beschränkt sich jedoch nicht nur auf den internationalen Markt, sondern lässt sich ebenso innerhalb einzelner Staaten beobachten. Selbst innerhalb der USA variiert das Publikumsinteresse je nach den ethnischen und kulturellen Wurzeln der Bevölkerung in den verschiedenen Regionen. Anhand von regionalen Auswertungen des Suchverhaltens zeigte sich, dass das Interesse an einem Film systematisch dort ansteigt, wo die behandelten Themen mit den überlieferten Geschichten der jeweiligen Vorfahren korrespondieren.
In der klassischen Ökonomie werden Konsumentenentscheidungen häufig als gegeben angenommen, ohne deren tiefere Ursachen zu hinterfragen. Die Erkenntnisse der Kulturökonomie verdeutlichen jedoch, dass Konsumpräferenzen keineswegs zufällig entstehen, sondern in jahrhundertealten Traditionen wurzeln. Obwohl Filme heute global produziert und vermarktet werden, bleibt die emotionale Bindung des Publikums lokal geprägt. Die Geschichten, die einst an den Lagerfeuern der Vorfahren erzählt wurden, bestimmen somit bis heute, welche Handlungen uns auf der Kinoleinwand begeistern.
Literatur
Michalopoulos, S., & Rauh, C. (2024). Movies (NBER Working Paper No. 32220). National Bureau of Economic Research, doi:10.3386/w32220