Ausrichtung der menschlichen Ohren auf Geräusche

Strauss et al. (2020) haben in Bezug auf menschliche Ohren herausgefunden, dass auch der Mensch wie viele Tiere seine Ohren auf interessante Geräusche hin ausrichtet, wobei diese unbewusst winzige Ohrbewegungen machen, die genau in die Richtung gehen, in die sie ihre Aufmerksamkeit lenken. Man wies in dieser Untersuchung nach, dass die Muskeln rund um das Ohr aktiv werden, sobald neuartige, auffällige oder aufgabenrelevante Reize wahrgenommen werden. Dabei spiegelt die elektrische Aktivität der Ohrmuskeln die Richtung wider, in die der Mensch seine Aufmerksamkeit beim Hören richtet, was wohl bedeutet, dass der Mensch höchstwahrscheinlich ein rudimentäres Orientierungssystem beibehalten hat, das die Bewegung seiner Ohrmuscheln zu kontrollieren versucht, und das als neurales Fossil im Gehirn seit etwa 25 Millionen Jahren fortbesteht. Man konnte in der Untersuchung die Steuersignale für die winzigen, im Allgemeinen nicht sichtbaren Ohrbewegungen mittels Oberflächen-Elektromyogrammen nachweisen, bei dem Sensoren, die auf die Haut geklebt werden, die elektrische Aktivität der Muskeln aufzeichnen, die die Ohrmuschel bewegen oder ihre Form verändern.
Untersucht wurden dabei zwei Arten von Aufmerksamkeit: Zur Beurteilung der reflexiven Aufmerksamkeit, die automatisch durch unerwartete Geräusche auftritt, wurden die Teilnehmer durch neuartige Geräusche von verschiedenen seitlichen Positionen überrascht, während sie damit beschäftigt waren, einen eintönigen Text zu lesen. Um die zielorientierte Aufmerksamkeit zu testen, wie sie etwa beim aktiven Zuhören auftritt, sollten die Probanden eine Kurzgeschichte von einem seitlichen Sprecher anhören und eine konkurrierende Geschichte auf der gegenüberliegenden Seite ignorieren. Beide Versuchsanordnungen kamen zu dem Ergebnis, dass die Bewegungen der rudimentären Muskeln im menschlichen Ohr die Richtung der Geräusche anzeigen, auf die eine Person achtet. Um diese winzigen Ohrbewegungen näher zu charakterisieren, wurden zusätzlich spezielle, hochauflösende Videoaufzeichnungen der Versuchspersonen während der Experimente gemacht. Anschließend wurden die subtilen Ohrbewegungen per Computer in den Videos vergrößert und damit sichtbar gemacht. Je nach Art des Reizes gelang es auf diese Weise, unterschiedliche Aufwärtsbewegungen des Ohres sowie unterschiedlich starke Rückwärtsbewegungen der Seitenkante der Ohrmuschel zu beobachten.

Literatur

Strauss, Daniel J., Corona-Strauss, Farah I., Schroeer, Andreas, Flotho, Philipp, Hannemann, Ronny, Hackley, Steven A., Groh, Jennifer M, Shinn-Cunningham, Barbara G., Verhulst, Sarah, Shera, Christopher & Corneil, Brian D. (2020). Vestigial auriculomotor activity indicates the direction of auditory attention in humans. eLife, doi10.7554/eLife.54536.

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