Das Steinzeitgehirn des Menschen

Der Psychologe Leon Windscheid und Autor des Buchs „Hey Hirn! Warum wir ticken, wie wir ticken“ stellt in Bezug auf das menschliche Gehirn fest:

„Der Homo Sapiens, also unsere Spezies (…) wird von einem Ding gesteuert, das seit mehreren Hunderttausend Jahren nicht mehr renoviert wurde. Seit Millionen von Jahren hat die Natur in unserem Kopf an-, um- und tatsächlich auch wieder abgebaut. Unsere Hirne sind kleiner als die einiger unserer Vorfahren. Ich glaube, man muss sich darüber bewusst werden, wie das Hirn funktioniert. Nur so versteht man, dass die alte Hardware, die wir mit uns herumtragen, eigentlich gar nicht in diese schnelle, digitale und vernetzte Welt passt. (…) Viele Leute übersehen, dass es eben ein uraltes Ding ist, was uns da steuert. Für mich ist ganz wichtig, wenn man sich eben fragt, wieso funktioniere ich heutzutage nicht mehr so? Wieso habe ich Stress? Warum haben so viele Menschen Depressionen? Wieso habe ich Sorgen zu scheitern? In solchen Situationen sollte man sich vor Augen führen, es gab da mal eine Idee der Natur, die funktioniert heute nicht mehr einfach so. (…) Für mich ist das Ziel der Psychologie immer, Hirn und Welt zusammenzuhalten. Also das, was so ein bisschen aus den Fugen gerät. Etwas, bei dem man denken könnte: ‚Das passt so nicht mehr zusammen‘, dass man das eben wieder zusammenbringen kann. (…) Nur ein Beispiel: Wir unterbrechen im Schnitt alle 18 Minuten was wir tun, um über ein Gerät zu wischen, von dem vor zehn bis 15 Jahren noch keiner wusste, wozu man es gebrauchen kann. Ich wische über meinen Smartphone-Screen, um zu schauen, was draußen in der Welt passiert und was meine Freunde gerade posten. Das wäre vor zehn Jahren eine klassische Verhaltensstörung gewesen. Heute ist es vollkommen normal. Heute ist es auch normal, dass wir in den intimsten Momenten unseres Lebens, seien es Hochzeiten, Geburtstage oder Fallschirmspringen, vielmehr damit beschäftigt sind, mit dem Smartphone kleine Videos und Fotos zu machen. Nur, um nachher unsere Erinnerungen, gepimpt mit irgendwelchen Filtern, ins Netz zu laden. Anstatt in dem Moment selbst unsere Erinnerungen in unser Hirn zu laden. Das sind alles erst mal Auswirkungen. (…) Wenn so ein Novum wie die Digitalisierung unser Hirn erreicht, dann kann man nicht nach 15 Jahren schon sagen, wie sich das auswirken wird. Natürlich würden wir es gerne wissen und es gibt Forscher, die meinen, sie wüssten es bereits. Aber tatsächlich wissen kann man es noch nicht, denn dazu brauchen wir Langzeitstudien. Aber, und da bin ich mir sicher, es wird auf uns wirken. Es wird etwas mit uns machen. Ob es dann nur positiv oder nur negativ ist, das werden wir dann wissen. Daher ist es wichtig, bereits jetzt die Grundwirkweise zu kennen.“

Aus einem Interview von Florence-Anne Kälble mit dem Psychologen Leon Windscheid und Autor des Buchs „Hey Hirn! Warum wir ticken, wie wir ticken“.



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