Fotografieren statt Erinnern

Die Psychologin Giuliana Mazzoni beschäftigt sich in einem Kommentar mit der menschlichen Besessenheit, in neuerer Zeit immer mehr Fotos zu machen, was ihrer Meinung nach die Art und Weise verändert, wie Menschen sich an ihre eigene Vergangenheit erinnern. Für viele Menschen ist das Mitnehmen von Hunderten, wenn nicht gar Tausenden von Bildern heute ein entscheidender Teil des Urlaubs, sie dokumentieren jedes Detail und veröffentlichen es in den sozialen Medien. Nach ihrer Meinung neigen Menschen heute dazu, sich sehr wenig zu merken, und wir vertrauen der Cloud sehr viel an, denn anstatt sich daran zu erinnern, was man etwa bei einer Hochzeit gegessen hat, blättern sie zurück, um sich alle Bilder anzusehen, die wir von dem Essen aufgenommen haben. Das Fotografieren eines Ereignisses, anstatt sich darin zu vertiefen, hat aber gezeigt, dass es zu einer schlechteren wenn nicht falschen Erinnerung an das eigentliche Ereignis kommt, denn um gut funktionieren zu können, muss das Gedächtnis regelmäßig geübt werden.

Allerdings verändert sich dabei die Fähigkeit zur bloßen Erinnerung zu einer anderen Fähigkeit, nämlich der Art und Weise, wie man sich effektiv erinnert. Diese Metakognition ist eine übergreifende Fähigkeit, die für Menschen ebenfalls unerlässlich ist, etwa für die vorausschauenden Planung von Unternehmungen. Zu viele Bilder werden Menschen vermutlich dazu bringen, sich fest an manche Aspekte der Vergangenheit zu erinnern, doch werden dabei möglicherweise andere Erinnerungen blockiert. Zwar ist es z. B. nicht ungewöhnlich, dass für Menschen frühkindliche Erinnerungen eher auf Fotos als auf den tatsächlichen Ereignissen basieren, dies sind jedoch nicht immer echte Erinnerungen. Zwar werden sich in Zukunft Menschen beim Erinnern an ihre Vergangenheit wohl vermehrt auf Fotografien verlassen, doch kann man dadurch auch eine verzerrte Selbstidentität auf der Grundlage solcher Bilder erschaffen, denn das natürliches Gedächtnis ist bekanntlich nicht wirklich genau und neigt zur positiven Selbstdarstellung. Wenn man etwa täglich mehrere Erinnerungsberichte am Mobile darüber festhält, wo und wie man sich in der Vergangenheit befunden hat, könnte dies dazu führen, dass das Gedächtnis weniger für die durch das Leben hervorgerufenen Veränderungen anpassungsfähig bleibt.

Literatur

Mazzoni, Giuliana (2019). Our obsession with taking photos is changing how we remember the past.
WWW: http://theconversation.com/our-obsession-with-taking-photos-is-changing-how-we-remember-the-past-109285 (19-01-04)

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