Gelegenheit macht Lüge

Statistisch betrachtet lügen Menschen bis zu 200 Mal am Tag. Und das ist in vielen Fällen auch ratsam – sagen Psychologen.


VON KATJA KRAFT
München Im Internet gibt’s so manches fragwürdige Angebot – die Alibi-Profi-Agentur gehört zweifellos dazu. Sie bietet „wasserdichte Alibis“ an. Nicht etwa für den Fall, dass die Polizei vor der Tür steht, sondern für den täglichen Gebrauch, um die eigenen Lügen zu untermauern. Je nach Bestellung sendet die Agentur ihren Kunden professionelle Einladungen zu Seminaren, fingierten Fortbildungen oder Klassentreffen, schickt gewonnene Preisausschreiben, handgeschriebene Briefe und Urlaubskarten aus aller Welt oder liefert Anrufe mit abgesprochenem Gesprächsinhalt – alles gegen Gebühr, versteht sich. Das Geschäft mit der Lüge scheint sich zu lohnen

Am häufigsten belügen wir uns selbst

Kein Wunder, haben Wissenschaftler doch herausgefunden, dass wir täglich bis zu 200 Mal lügen. „Die 200 ist natürlich wohl eher eine fiktive Zahl, denn es hängt ja auch von den Gelegenheiten des Einzelnen ab, bei denen er mit anderen kommuniziert und dabei überhaupt lügen kann – Gelegenheit macht Lüge“, sagt Werner Stangl vom Institut für Pädagogik und Psychologie der Johannes Kepler Universität Linz. Zudem sei Lüge nicht gleich Lüge, sagen die Wissenschaftler. Denn: „Was eine Lüge ist, ist eine definitorische Frage – wenn ein Verkäufer ein Produkt anpreist, obwohl er selber keine Erfahrungen damit hat und nur so tut, dann ist das halt Marketing“, findet Stangl.
Laut Prof. Dr. Peter Stiegnitz, dem Begründer der Mentiologie (Lehre von der Lüge), ist die Lüge „die bewusste Abwendung von der Wirklichkeit“. Allerdings unterscheidet die Forschung zwischen Selbst-, Fremd- und Kollektivlügen. Dabei wählen wir am häufigsten – eher unbewusst als bewusst – die Selbstlüge. Zum Lieblingslügengebiet des Mannes gehört laut Stiegnitz der Erfolg am eigenen Arbeitsplatz, bei Frauen sind es Themen wie die Untreue des Ehemannes oder die schulischen Schwierigkeiten der Kinder, die sie einfach weglügen.
Doch ist eine Lüge wirklich immer Sünde? Oder gilt das Gebot: „Du sollst nicht lügen“ nur in ausgewählten Situationen? Stangl: „Es macht natürlich in der Wahrnehmung von Lügen einen großen Unterschied, ob eine Lüge zur Manipulation von anderen Menschen, aus Rache, aus Höflichkeit, zur Selbstdarstellung oder vielleicht aus einer Notlage heraus, zum Schutz von anderen oder zum Selbstschutz getätigt wird. Lügen zum Schutz anderer Personen werden in unserer Gesellschaft wohl eher toleriert als Lügen zum Nachteil von anderen. Es wird also immer nach den Motiven gefragt, aus denen heraus eine Lüge entstanden ist.“

Lügen ist auch Hygiene für die Psyche

Und nach der Wirkung. Denn mittlerweile haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Lügen ein essenzieller Bestandteil unserer sozialen Intelligenz ist. Auch Prof. Stiegnitz sagt: „Die definierte und moralisch eingegrenzte Lüge ohne Schädigungsabsicht ist lebensnotwendig und gesund. Sie dient unserer Psychohygiene. Sie stärkt das Selbstbewusstsein, indem sie die seelische Sprungkraft erhöht und unseren täglichen Hürdenlauf beschleunigt. Darüber hinaus erlaubt uns die Lüge einen pflegeleichten Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Ein bisschen nachträgliche Schönfärberei bei Erzählungen aus der eigenen Kindheit sind beispielsweise doch wesentlich angenehmer, als sich an schreckliche Zahnspangen, Pickel und Hänseleien in der Schule zu erinnern.
Und dennoch: Sollte man wirklich lieber so häufig aus Gründen des friedlichen Miteinanders lügen, als ehrlich zu sein? Schließlich heißt es doch: Ehrlich währt am längsten. Stangl: „Im praktischen Leben ist vieles Abwägung, das heißt, ich muss zum Beispiel entscheiden, ob ich jemanden mit der reinen Wahrheit unter Umständen verletze oder es mir auch mit ihm dauerhaft verscherze.“ Gerade am Arbeitsplatz, wo man zwangsläufig weiter mit den Menschen zu tun hat, solle man laut Stangl aus Gründen des Selbstschutzes besser auf die reine Wahrheit verzichten.
Doch was, wenn man sich einmal in einem Netz von Lügen verstrickt hat, aus dem man nicht mehr herausfindet? Eine schwierige Situation, wissen auch Wissenschaftler wie Dr. Stangl: „Es gibt bekanntlich in der zwischenmenschlichen Kommunikation kaum etwas Schwierigeres, als eine Lüge offen zuzugeben. Auch einander nahestehende Menschen geraten oft durch eine kleine Schwindelei in einen Teufelskreis, sodass es ihnen irgendwann einmal schwerfällt, da wieder herauszukommen. Eine Lüge direkt anzusprechen fällt gerade dann, wenn man zu der betreffenden Person eine gute Beziehung hat, sehr schwer, aber wenn es sich um Essenzielles der Beziehung handelt, ist es natürlich besser früher als später.“
Auch derjenige, der das Gefühl hat, belogen zu werden, sollte nicht davor zurückscheuen, den Schwindler damit zu konfrontieren. Am einfachsten geht das, indem man selbst ein Geständnis voransetzt – nach dem Motto: Wer hat schon ein absolut reines Gewissen? So fällt es dem Gegenüber leichter, seine eigene Unehrlichkeit zuzugeben. Stangl: „Wichtig ist es, wenn man eine Lüge ansprechen muss, seine eigenen Gefühle dabei anzusprechen, also zu sagen, was die Lüge in einem selber auslöst. Keinesfalls sollte man den anderen in die Enge treiben.“

Schwindeln kann auch krankhaft werden

Gerade wenn jemand ständig die wildesten Geschichten erzählt, sollte man hellhörig werden. Denn der Drang zum Lügen kann auch krankhaft sein. Prof. Norbert Müller vom Institut für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München weiß: „Es gibt Menschen, die sich immer wieder in die wunderlichsten Geschichten hineinsteigern und teilweise selbst nicht mehr wissen, dass sie nicht die Wahrheit sagen. Diese Krankheit nennen die Psychologen Pseudologia phantastica. Die Patienten haben häufig einen starken Geltungsdrang und wollen immer im Mittelpunkt stehen.“ Bei solch krankhaftem Verhalten sollte man dringend einen Therapeuten aufsuchen. –

Lügen im Alltag

  • Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir erst mit vier Jahren anfangen, Lügen gezielt einzusetzen – um uns Ärger zu ersparen und das Leben ein wenig leichter zu machen. Kinder üben zu lügen, wenn sie beispielsweise beim Spiel mogeln.
  • Die Tendenz zum Lügen wird erlernt, wobei die Erziehung oft eine wichtige Rolle spielt, etwa wenn eine besondere Strenge Kinder dazu zwingt, zu Notlügen zu greifen, um den Ansprüchen ihrer Eltern gerecht zu werden.
  • Wer ehrlicher mit seinen Mitmenschen umgehen möchte, dem hilft oft eine stille Stunde des Bilanzziehens, etwa indem man eine Liste anfertigt und sich vornimmt, zu sich selber ehrlicher zu sein. Vielleicht hilft einem bei einer solchen Bilanz auch eine nüchterne Analyse, wie erfolgreich eine eingesetzte Lüge ist, also was sie einem im Vergleich zur Wahrheit eingebracht hat.
  • Man kann Lügner an vielen kleinen Merkmalen entlarven. So ändern sich bei Personen, die lügen, häufig die Tonlage und der Rhythmus der Sprache in auffälliger Form. Lügende Personen zeigen häufig übertriebene Gesichtsausdrücke. Beispiels- weise lächeln sie oft oder breiter als gewöhnlich. Lügen oder Täuschen werden oft von unruhigen Bewegungen der Hände und der Füße und einer unruhigen Haltung des Gesamtkörpers begleitet.
  • Untersuchungen zeigen, dass die Fähigkeit, seinem Gegenüber ruhig und fest in die Augen zu schauen, keineswegs als Beleg für Ehrlichkeit angesehen werden kann. Erfahrene beziehungsweise gekonnte Lügner haben es oft gelernt, dem Gegenüber besonders dann in die Augen zu schauen, wenn sie wirksam eine Lüge einsetzen wollen.

Quelle: Münchner Merkur Nr. 49 Wochenende, 28. Februar/1. März 2009, S. 19.

Siehe auch
Nonverbale Anzeichen für Lügen und Verbale Anzeichen für Lügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.