Hängt das subjektive Lärmempfinden auch von der Persönlichkeit ab?

Lärm ist in der menschlichen Umgebung allgegenwärtig, wobei manche Menschen gegenüber Lärm toleranter als andere sind. Schon lange ist bekannt, dass die Persönlichkeit von Menschen mit der rein subjektiven Einschätzung des Hörens zusammenhängt, denn Menschen, die sich oft Sorgen machen, tendieren auch dazu, eine geringere Lärmtoleranz zu besitzen. Dieses Phänomen wurde nun von Wöstmann et al. (2021) auch in der audiologischen Praxis untersucht, und zwar bei der Anpassung neuer Hörgeräte. Um das subjektive Hörvermögen zu messen, wurden die ProbandInnen zunächst gebeten, die Lautstärke eines störenden Murmelns im Hintergrund so einzustellen, dass es gerade noch tolerierbar war. Wöstmann et al. (2021) zeigten in ihren Versuchn nun das Erklärungspotenzial der Big-5-Persönlichkeitsmerkmale Neurotizismus (emotional instabil) und Extraversion (enthusiastisch, kontaktfreudig) für die subjektive Selbsteinschätzung und objektive psychoakustische Messgrößen des Hörvermögens bei Lärm. Unter Kontrolle der demografischen Merkmale erklärte niedriger Neurotizismus und höhere Extraversion unabhängig voneinander eine stärkere selbstberichtete Lärmresistenz, ein besseres Sprachhörvermögen und einen größeren noch akzeptablen Hintergrundgeräuschpegel. Überraschenderweise nahm die objektive Erkennung von Sprache im Störgeräusch mit einem höheren Neurotizismusniveau wieder zu. Die Verzerrung bei der subjektiven Überbewertung des eigenen Hörvermögens bei Lärm wiederum nahm mit höherem Neurotizismus ab, stieg aber mit höherer Extraversion an. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Persönlichkeit interindividuelle Unterschiede bei der Bewältigung von Umgebungslärm erklären kann, der eine permanente Quelle der Ablenkung und auch ein Gesundheitsrisiko darstellt. Für eine gute Anpassung von Hörsystemen müssten daher mehr individuelle Randbedingungen der Hörbeeinträchtigten berücksichtigt werden.

Literatur

Wöstmann, Malte, Erb, Julia, Kreitewolf, Jens & Obleser, Jonas (2021). Personality captures dissociations of subjective versus objective hearing in noise. Royal Society Open Science. 8, doi: 10.1098/rsos.210881.