Kinder und ihre Stresskarrieren

Von Alexandra Grass

Leistungsdruck und ein straffes Terminkorsett bringen Gehirn und Körper in Alarmbereitschaft

Wien. Laura ist acht Jahre alt. Nicht nur, dass sie in der Schule unter Leistungsdruck steht, hat sie mit Blick auf den Wochenplan auch noch ein umfangreiches Nachmittagsprogramm zu absolvieren. Hausaufgaben, Flötenunterricht, Ballett, Englischkurs. Für Freunde oder gar Entspannung reicht die Zeit kaum. Und dann noch ein kleiner Bruder, der sich als Nervensäge entpuppt.
Auch dem zehnjährigen Paul geht es kaum anders. Dreimal pro Woche Fußballtraining, am Wochenende Match und der Gitarrenunterricht ist auch noch unterzubringen. Die Hausaufgaben natürlich nicht zu vergessen. Das Lernen fällt ihm zudem schwerer als anderen Kindern. Seine Eltern erwarten trotzdem, dass er das kommende Schuljahr ins Gymnasium wechseln kann. Einen Teil seiner dann doch freien Zeit verbringt er mit Computerspielen und seinem neuen Smartphone.
Szenarien wie diese sind für viele Kinder zum Alltag geworden. Sie bedeuten Stress pur. Die Reaktionen darauf sind Ängste, Nägelkauen, Konzentrationsmangel, Lernschwierigkeiten, Schlafstörungen, Kopfschmerzen bis hin zu aggressivem Verhalten.

Pränatale Belastungen
Die Stresskarriere eines Kindes beginnt allerdings schon viel früher. Denn Unruhe kann schon die Mutter auf ihr Ungeborenes übertragen. Ein erhöhter Cortisolspiegel bei der Schwangeren wirkt nicht nur auf das Nervensystem der Heranwachsenden. Viele Kinder neigen dann aufgrund einer pränatalen Stressbelastung in den ersten Lebensmonaten zu exzessivem Schreien. Veränderte Lebensbedingungen können dann in weiterer Folge zu schaffen machen. Die Abnabelung von der Mutter, der Eintritt in den Kindergarten, ein Geschwisterchen. Daumenlutschen, Zornanfälle oder Stottern können bei jüngeren Kindern Anzeichen sein, dass sie unter Stress stehen.
Als Schulkind beginnt dann ein weiteres neues Zeitalter. Leistungsdruck und Prüfungsstress treten in den Vordergrund, wie die Schulpsychologin und Psychotherapeutin Sonja Skof im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ anführt. Wobei die Anforderungen in den vergangenen Jahren nach und nach zugenommen haben. Skof bemerkt in der Praxis auch immer wieder, dass sich die Schüler im Vergleich zu früher nicht mehr so gut auf das Wesentliche konzentrieren können. Als wichtige Störungsquelle nennt sie die Neuen Medien. „Internet und WhatsApp unter dem Kopfpolster“ sind Ablenkungen, die auf Kosten des Lernens gehen.
Schon in der Volksschule wäre es wichtig, den Kindern die Zusammenhänge – nämlich die Auswirkung von Stress auf den Körper – klarzumachen. „Wie Gedanken und Emotionen sowie körperliche Symptome zusammenhängen“, so Skof.

Gehirn im Alarmmodus
Bei Stress schaltet der Körper auf Alarmmodus. Der Hypothalamus, jener Teil des Gehirns, der die vegetativen Funktionen des Körpers steuert, setzt eine Hormonproduktionskette in Gang, die sich direkt auf die Organfunktionen auswirkt. Das Herz schlägt kräftiger, der Blutdruck wird erhöht, die Atmung wird schneller. Lebenswichtige Funktionen wie die Immunabwehr und die Verdauung werden reduziert. Die einzige physiologische Stressreaktion, die willentlich beeinflussbar ist, ist die eintretende Muskelanspannung.
Im Alter zwischen fünf und elf Jahren können laut dem Psychologen Werner Stangl Aggressivität, Schulängste, der soziale Rückzug von Gleichaltrigen oder Konzentrationsmangel auf Stress hindeuten. Zwischen elf und 14 Jahren werden Schlaf- und Essstörungen sowie Kopfschmerzen und Hautprobleme genannt, die etwa durch Leistungsdruck aber auch soziale Spannungen – innerhalb der Familie oder im Freundeskreis – hervorgerufen werden können. Zwischen 14 und 18 Jahren führt Stangl psychosomatische Beschwerden, Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, Konzentrationsmangel sowie die Steigerung oder Senkung des Energielevels aus Auswirkung von Stress an.

Achtsamkeit in der Schule
“Dass es immer mehr verhaltensauffällige und gewaltbereite Schüler gibt, dass viele Schüler im Elternhaus nicht mehr den Rückhalt finden, den sie eigentlich brauchen, dass Konkurrenz und Leistungsdruck zugenommen haben und dass die Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Gruppen sich im Klassenzimmer immer heftiger als Konfliktpotenzial widerspiegeln, diese Diagnose steht außer Zweifel“, schreibt die Autorin Vera Kaltwasser in ihrem Praxisbuch „Achtsamkeit in der Schule“.
Dazu kommt, dass Kinder und Jugendliche von einer ständigen Bilderflut überschwemmt und permanent beschallt und von immer wieder neuen Technologien zu versierten Usern abgerichtet werden, ohne, dass sie bemerken, wie diese Armada von Außenreizen sie in einen Stresszustand versetzt und abstumpft, so Kaltwasser weiter. Eine der wesentlichen Aufgaben der Schule ist immer noch die Wissensvermittlung. Aber die kann nur gelingen, wenn die Kinder und Jugendlichen aufnahmebereit, motiviert und entspannt sind.
Schon alleine fünf bis zehn Minuten kurze Auszeit im Unterricht, zum Beispiel Atemübungen oder eine Fantasiereise, würden sich rechnen, betont auch Sonja Skof. Zudem sollten die Schüler gelehrt bekommen, wie sie mit Stress umgehen können.
Zumeist wird erst dann professionelle Hilfe in Anspruch genommen, wenn der Druck schon zu hoch ist und der Zusammenbruch droht. Entspannungsverfahren, autogenes Training, Atemübungen aber auch eine gute Arbeitseinteilung können hier Abhilfe schaffen. Ebenso sollten die Eltern darauf schauen, dass ihre Kinder nicht zu verplanten Managern werden, sondern ebenso „ungelenkte Freizeit“ genießen können.
Auch Vera Kaltwasser empfiehlt, Achtsamkeitsphasen in den Unterricht zu integrieren. Entspannungsübungen und Fantasiereisen verfeinern die Selbstwahrnehmung der Schüler, erhöhen die Konzentrationsfähigkeit und verbessern die Fähigkeit zur Impulskontrolle. Die Schüler lernen, Anspannung zu erkennen und sie zu lösen, sie nehmen ihr inneres Selbstgespräch bewusst wahr und lernen, belastende Gedankenspiralen zu unterbrechen.

Körperliche Beschwerden
In Folge können lang andauernde Stresszustände auch zu chronischen körperlichen Beschwerden führen, betont der Ganzheitsmediziner und Homöopath Walter Glück. „Die Psyche ist die oberste Stufe. Wenn sie krank wird, ist auch der restliche Körper in Mitleidenschaft gezogen.“ So wie auch ein banaler Infekt zu einer massiven Störung führen kann.
Die richtige Körperhaltung sowie Atemtechnik können den Körper im Alltag entspannen helfen. Im Vorfeld können mit Osteopathie oder Chirotherapie Wirbelsäule und Becken in eine optimale Position gebracht werden, um innere Spannungen abzubauen.
Glück begleitet Kinder auch in psychischen Belangen homöopathisch. Bei nervlichen Belastungen wie vor Prüfungen kommt etwa der Wilde Jasmin (Gelsemium) zum Einsatz. Kaffee (Coffea) in homöopathischer Form kommt erfolgreich bei Schlafproblemen zum Beispiel in Folge von Reizüberflutung zur Anwendung. Auch ein Baldrianbad lässt Kinder zur Ruhe kommen und fördert einen erholsamen Schlaf, betont Glück.
Möglichkeiten zur „Entstressung“ der Kinder gibt es insgesamt gesehen zahlreiche. Eingefügt in ein entspanntes Familienleben und einen stressfreien Tagesablauf mit einem Anteil von freier Zeiteinteilung, können die angeführten Maßnahmen nicht nur den Leistungsdruck, der auf den Kindern lastet, abfedern.

Eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Frauen, des Bundesministeriums für Gesundheit und des Österreichischen Jugendrotkreuzes

Quelle
http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wissen/mensch/613386_Kinder-und-ihre-Stresskarrieren.html (14-03-07)

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