Können sich Menschen die Welt allein durch Vorstellungen gut oder schlecht denken?

Der Mensch hat die Fähigkeit, sich hypothetische Situationen und Episoden vorzustellen, wobei aus der Perspektive des Gehirns betrachtet solche episodischen Simulationen auf einem neuronalen Netzwerk basieren, das den ventromedialen präfrontalen Cortex einschließt. Dieses Netzwerk greift auf vorhandenes Wissen wie etwa über bekannte Menschen und Orte zurück, um imaginäre Ereignisse wie ein Treffen mit dieser Person an diesem Ort zu konstruieren.

Benoit et al. (2019) haben in Experimenten nun überprüft, wie eine solche Simulation eines episodischen Ereignisses die Einstellung zu den sie konstituierenden Elementen verändert. Dazu mussten die ProbandInnen zunächst solche Menschen benennen, die sie mögen und die sie nicht mögen. Außerdem wurden sie nach Orten gefragt, die diese eher als neutral einschätzen. Als die Probanden danach im MRT-Scanner lagen, sollten sie sich lebhaft vorstellen, wie sie mit diesem geliebten Menschen an einem dieser neutralen Orte Zeit verbringen und mit diesem Menschen interagieren. Sie sollten sich also etwa vorstellen, wie man mit der Tochter im Fahrstuhl ist und diese wild auf alle Knöpfe drückt. Dann fährt man mit ihr nach ganz oben, wo man aussteigt, um ihr die Terrasse zu zeigen. Dadurch sollte gezeigt werden, wie bloße Imaginationen die Einstellung gegenüber diesen Orten aus der realen Umwelt prägen, und tatsächlich hatte sich die Einstellung der Probanden gegenüber den Orten verändert, denn sie mochten diese vorher neutral bewerteten Orte mehr als am Anfang. Offenbar überträgt man den emotionalen Wert, den ein Mensch für einen selber besitzt, auf diesen Ort, und zwar sogar dann, wenn man diese Episode nicht einmal in Wirklichkeit erlebt hat.

Der ventromediale präfrontale Cortex, wo die Informationen über einzelne Menschen und Orte der Umwelt gespeichert werden, bewertet also auch, wie wichtig die einzelnen Personen und Orte sind, dass also in diesem Areal die Repräsentationen der Umwelt gebündelt werden, indem Informationen aus dem ganzen Gehirn zusammenlaufen und zu einem Gesamtbild verbunden werden. Diese Repräsentationen beinhalten demnach auch eine Bewertung, etwa wie wichtig die Tochter für jemanden ist und wie sehr man sie mag, und es kommt zu Verknüpfungen zwischen diesen Repräsentationen von Mensch und vorher neutralem Ort.

Offenbar besitzen Menschen die Fähigkeit, nur durch Vorstellungskraft Dinge zu erleben und durch das Imaginierte genauso zu lernen wie durch tatsächlich Erlebtes. Dadurch können reine Vorstellungen also dazu führen, dass Dinge wie Orte und Ereignisse positiver bewertet werden. Vermutlich hat aber ein solcher Mechanismus hingegen für Menschen, die sich eher negative Vorstellungen von ihrer Zukunft machen, also etwa Menschen, die unter einer Depression leiden, negative Auswirkungen, denn sie können auf diese Weise eigentlich neutrale Objekte allein durch die Kraft der negativen Gedanken abwerten und somit für sich ein negatives Bild von der Welt erschaffen.

Literatur

Benoit, Roland G., Paulus, Philipp C. & Schacter, Daniel L. (2019). Forming attitudes via neural activity supporting affective episodic simulations. Nature Communications, 10, doi:10.1038/s41467-019-09961-w.