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Kommt leider vor, dass Studenten alles reinschaufeln

    Anna Kanape-Willingshofer, Expertin für pädagogische Psychologie an der JKU, über Lerntypen.

    OÖN-Campus: Können Studenten in verschiedene Lerntypen kategorisiert werden?

    Kanape-Willingshofer: Es gibt zwar drei Klassiker (visueller, auditiver, motorischer Lerntyp), aber es gibt keine anerkannten wissenschaftlichen Tests dazu. Viele Leute sind Mischtypen.

    OÖN-Campus: Warum lernen einige sehr gut mit Musik, andere wiederum brauchen Stille beim Lernen?

    Kanape-Willingshofer: Das kommt darauf an, welche Stimulation eine Person braucht.

    OÖN-Campus: Wie können Studenten herausfinden, welche Lernmethoden für sie am besten geeignet sind?

    Kanape-Willingshofer: An der JKU gibt es zum Beispiel die Psychologische Studierendenberatung. Dort werden auch Workshops angeboten, und Psychologen und Psychologinnen helfen herauszufinden, welche die individuell beste Lernform ist. Prinzipiell würde ich empfehlen, Verschiedenes auszuprobieren, um zu erkennen, welche Methode für einen selbst ideal ist. Aber einen Tag vor der Prüfung wird das nicht funktionieren, dafür benötige ich länger Zeit.

    OÖN-Campus: Wie lange bleiben die Infos im Kopf, wenn erst am letzten Tag mit dem Lernen begonnen wird?

    Kanape-Willingshofer: Natürlich gibt es Personen mit hervorragendem Gedächtnis. In der Psychologie wird das eidetisches Gedächtnis genannt. Diese Personen lesen eine Seite und merken sich den Inhalt perfekt und sofort. Aber das passiert sehr, sehr selten.

    OÖN-Campus: Und der Rest verfährt nach der Methode „Bulimie-Lernen“?

    Kanape-Willingshofer: Das kommt leider sehr oft vor, dass Studierende einen Tag vor der Prüfung alles reinschaufeln und dann bei der Prüfung „rauskotzen“ und so längerfristig eigentlich nur wenig Wissen vorhanden ist.

    OÖN-Campus: Ist es möglich, dass diese doch eher fragliche Methode durch Multiple-Choice-Klausuren gefördert wird?

    Kanape-Willingshofer: Das ist nachvollziehbar, weil bei Multiple Choice kein Wissen wiedergegeben werden muss, sondern Antwortmöglichkeiten vorhanden sind. Da kann Bulimie-Lernen möglicherweise noch schneller zu Effekten führen, weil ich bei der Prüfung nur etwas wiedererkennen oder gar erraten muss, anstatt selbst Dinge frei zu reproduzieren. Aber die Frage ist, ob im Leben auch vier Antwortmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Im wirklichen Leben müssen Sie das Wissen anwenden können.

    Bulimie-Lernen

    Anstatt den Prüfungsstoff so zu lernen, dass er längerfristig „hängen bleibt“, machen sich immer mehr Studenten das „Bulimie-Lernen“ zu Nutze. Analog zur Essstörung stopfen die Lernenden möglichst schnell, kurzfristig und exzessiv viel Information in sich hinein, was zur Folge hat, dass das angeeignete Wissen nicht nachhaltig gespeichert wird und einige Tage nach der Prüfung wieder weg ist. Bulimie-Lernen ist auch bei uns in Mode. „Natürlich taugt das den Professoren nicht“, gibt ein JKU-Student, der nicht genannt werden möchte, zu.

    Quelle: http://www.nachrichten.at/anzeigen/karriere/campus/Kommt-leider-vor-dass-Studenten-alles-reinschaufeln;art121,1517584 (14-10-14)






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