Kulturtechnik Handschrift

Das Schreiben mit dem Stift oder der Füllfeder ist eine Kulturtechnik und im besten Sinne des Wortes auch Handwerk, doch ist der Weg zu einer flüssigen Handschrift alles andere als leicht, wie man aus eigener Erfahrung weiß oder bei Kindern beobachten kann. So mancher ABC-Schütze scheint daran zunächst zu verzweifeln. Das Handschreiben fördert die Merkfähigkeit, das inhaltliche Verständnis, Kreativität und selbst das logische Denken. Das Schreiben mit der Hand wirkt sich positiv auf das Gehirn und damit die kognitive Entwicklung aus. Wenn man vom Schreiben spricht, denkt man zuerst an die Schrift, wobei die Bewegungen, die zur Schrift führen, entscheidend sind, also die Schreibmotorik. Kleine Finger- und Handgelenkbewegungen ermöglichen erst die Ausgestaltung der Schrift, wobei sich siebzehn Gelenke und mehr als 30 Muskeln im Hand-Arm-System bewegen, wobei zwölf Hirnareale gleichzeitig aktiv sein müssen. Das Schreiben mit der Hand ist also ein komplexer, feinmotorischer Ablauf, denn nur geübte Finger können das Schreibgerät beherrschen. Dass Kinder immer weniger Bewegungsspiele spielen, wirkt sich das nicht nur auf die Grobmotorik sondern auch auf die Feinmotorik aus.

Studien haben gezeigt, dass schon eine Stunde Handschriftförderung in der Woche eine Reihe positiver Effekte hat, und zwar über alle Fächer hinweg und weit über die Volksschule hinaus. Schreiben erhöht die Merkfähigkeit und die Kreativität, man unterstützt dadurch auch das Lesenlernen und das Lernen im Allgemeinen. Handschrift erfordert größere feinmotorische Fertigkeiten und eine viel stärkere Differenzierung, denn dadurch prägen sich die unterschiedlichen Buchstabenformen dauerhafter ein, d. h., die Handschrift nützt dem Schriftspracherwerb mehr als das Tippen auf der Tastatur. Beim Tippen gelangt man mit immer der gleichen Bewegung zu einem Buchstaben, wenn man aber ein Schriftzeichen per Hand schreibt, muss man Bewegungen vollführen, die bei jedem Buchstaben anders aussehen. Jeder Buchstabe hat einen anderen charakteristischen Bewegungsablauf, und diese kleinsten, differenzierten Bewegungen sind es, die das Gehirn aktivieren und beim Lernen helfen. Man kann davon ausgehen, dass die gesamte kognitive Entwicklung von Kindern durch Schreiben stärker befruchtet wird als durch Tippen, weil mehr benachbarte Funktionen wie Vorstellungskraft, Kreativität, Rechtschreibung und Erinnerungsvermögen angeregt werden. Zudem wird bei der Verarbeitung von Text in Form von Handschreiben eine motorische Gedächtnisspur im Gehirn angelegt, auch bei Erwachsenen.

Marianela Diaz Meyer, Leiterin des deutschen Schreibmotorik-Instituts, in einem Interview mit Markus Böhm im Standard vom 31. August 2020.