Das Leben heute wird aktuell in hohem Maße durch alle Arten von visuellen Medien wie Foto, Fernsehen, Film, Video, Anzeigen etc. beeinflusst, d. h., Menschen kommunizieren durch diese Medien, wobei visuellen Medien im massenmedialen kommunikativen Diskurs sogar die bisher dominierende Sprache teilweise verdrängen. Damit hängt die aktuell beklagte schlechtere Qualität des Lesens bei Schülerinnen zusammen, aber auch daran, dass diese Fähigkeit in den Grundschulen viel zu wenig geübt wird bzw. auch durch die Lernpläne vernachlässigt wird. Diesem Trend könnte man mit bewussterem Lesen entgegenwirken, wobei bewussteres Lesen etwa dadurch erfolgen kann, dass man dabei versucht, das Gehirn zu verlangsamen. Das könnte man durch die früher selbstverständlichen Volksschulpraktiken wie lautes Lesen in Gruppen fördern. Kinder können beim Erlernen der eigenen Sprache durch das betonte Artikulieren (Koartikulation, Dehnsprechen) auf die Abweichungen zwischen gesprochener und geschriebener Sprache aufmerksam gemacht werden, wobei sich das Mitsprechen beim Schreiben als die effektivste Methode erwiesen hat.
In einer Untersuchung (MacLeod, et al., 2010) ließ man ProbandInnen eine Liste mit Wörtern lernen, wobei eine Gruppe alle Wörter still lesen, eine zweite Gruppe laut vor sich hinsagen, und eine dritte Gruppe die Hälfte der Wörter leise lesen, die andere laut lesen sollte. Bei der Auswertung zeigte sich, dass sich die dritte Gruppe an die meisten Wörter erinnerte, während die beiden anderen Gruppen sich etwa an zehn Prozent weniger erinnerte, wobei die sprechende Gruppe leicht besser abschnitt als die stumm lesende. Erklärt wird das damit, dass die ausgesprochenen Wörter mehrere Sinneskanäle passieren, denn die ProbandInnen sehen das Wort beim Lesen, transferieren es beim Sprechen in ein akustisches Signal, das sie gleichzeitig auch hören.
Die Neurologie des Lautlesens: Wie multisensorische Informationsverarbeitung das Gedächtnis maximiert
Das stille Lesen gilt in der modernen Arbeits- und Bildungswelt zwar gemeinhin als Standardmethode zur Informationsaufnahme, stellt jedoch aus neurowissenschaftlicher Sicht eine rein visuelle und damit verhältnismäßig passive Form des Lernens dar. Beim rein visuellen Erfassen von Texten verarbeitet das Gehirn Informationen eingleisig über den visuellen Cortex. Dies führt häufig dazu, dass Inhalte ebenso schnell wieder vergessen werden, wie sie aufgenommen wurden.
Wird der Leseprozess hingegen durch das laute Aussprechen ergänzt, wandelt sich die passive Konsumhaltung in eine komplexe, motorische und kognitive Aktivität. Das Gehirn steuert über den motorischen Cortex sowie das Sprachzentrum die präzise Bewegung von Zunge, Stimmbändern und Lippen, um abstrakte Schriftsymbole in Muskelaktivität und Klang umzusetzen. Parallel dazu erzeugt das gesprochene Wort ein auditives Feedback: Das Ohr nimmt die eigene Stimme in Echtzeit auf und leitet das Signal zurück an das Gehirn. Dieser Prozess erzeugt einen internen Kontrollmechanismus, der die Fehlererkennung und das Textverständnis drastisch schärft – Sprachfehler, unlogische Satzstellungen oder Tippfehler werden im Gegensatz zum stillen Lesen sofort wahrgenommen.
In der Neurowissenschaft wird dieses Zusammenspiel als Produktionseffekt bezeichnet. Während das stille Lesen auf einer einzigen sensorischen Ebene verbleibt, beansprucht das laute Lesen gleichzeitig visuelle, motorische und auditive Netzwerke. Durch diesen dreifachen Impuls entstehen im Gehirn deutlich tiefere und dichtere neuronale Verbindungen. Anstelle eines flüchtigen Eindrucks festigen sich die Informationen nachhaltig im Langzeitgedächtnis und lassen sich später schneller sowie präziser abrufen.
Empirische Untersuchungen bestätigen diesen Leistungssprung eindeutig. Die synchrone Aktivierung mehrerer Gehirnareale erhöht die Konzentration messbar, da ein gedankliches Abschweifen beim lauten Sprechen kaum möglich ist. Zudem verbessern sich Merkfähigkeit, Wortschatz und Sprachsicherheit.
Besonders in anspruchsvollen Anwendungsszenarien – wie der Vorbereitung auf komplexe Prüfungen, dem Studium juristischer Fachtexte oder dem Verinnerlichen von Sicherheitsvorschriften – erweist sich die Methode als überlegenes Werkzeug. Das Zusammenspiel aus Sehen, Sprechen, Hören und Verankern nutzt die natürliche Neuroplastizität des Gehirns optimal aus, um Informationen gezielt und dauerhaft im Gedächtnis einzubetten.
Literatur
MacLeod, Colin M., Gopie, Nigel, Hourihan, Kathleen L. , Neary, Karen R., & Ozubko, Jason D. (2010). The Production Effect: Delineation of a Phenomenon. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 36, 671– 685.
Stangl, W. (2010). Mitsprechen als Lernhilfe. Werner Stangls Texte zum Lernen.
WWW: https://lerntipps.lerntipp.at/mitsprechen-als-lernhilfe/ (2010-03-02)
