Leben im Leerlauf

Falter 39/2009SPECIAL #30 Bildung und Arbeit
Beilage zu Falter 39, September 2009

Leben im Leerlauf

Der Linzer Psychologe Werner Stangl über die psychischen Folgen von Jugendarbeitslosigkeit. Im Unterschied zu vor 20 Jahren ist die Angst, keinen Beruf zu finden, die größte für junge Menschen.

Welche psychischen Folgen kann es für Jugendliche mit sich bringen, wenn sie keinen Job oder keine Lehrstelle finden?

Stangl: Jeder Jugendliche hat eine individuelle Lerngeschichte, sodass Aussagen für den Einzelfall schwer zu treffen sind. Im Durchschnitt kommt es aber mit zunehmender Dauer der Suche nach einem Arbeitsplatz zu teilweise massiven Beeinträchtigungen des psychischen Wohlbefindens. Die Erfahrung keine Arbeit zu haben bzw. nicht gebraucht zu werden führt manchmal zu nachhaltigen Beeinträchtigungen der persönlichen Entwicklung, wobei die Bereitschaft sinkt, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen, das Selbstvertrauen schwindet und die eigene Wertschätzung nimmt ab. Es kommt in einzelnen Fällen sogar das Zeitgefühl abhanden, soziale Kontakte gehen verloren, apathische und manchmal auch aggressive Verhaltensweisen nehmen zu. Von vielen Jugendlichen wird diese Phase der Arbeitslosigkeit als ein Leben im „Leerlauf“ empfunden.

Können diese Folgen durch andere Einflüsse verstärkt werden?

Stangl: Jugendliche ohne qualifizierte Bildungsabschlüsse reduzieren ihre persönlichen Ansprüche und Lebensziele, es kommt häufig zur psychischen Destabilisierung bis hin zur Depressivität. Arbeitslose mit entsprechenden psychischen Problemen haben dann natürlich noch weniger Chancen, eine Arbeit zu finden. Untersuchungen bei wenig Qualifizierten in schwierigen Beschäftigungsverhältnissen zeigten, dass die positiven Erwartungen an die Arbeit – also etwa Selbstverwirklichung, Sozialkontakte, soziale Anerkennung – immer mehr in den Hintergrund treten und eine defensive Anspruchshaltung entsteht, die durch eine Betonung materieller Interessen und die Abwehr von Arbeitsbelastungen charakterisiert ist. Für viele Jugendliche geht durch eine frühe Arbeitslosigkeit damit auch jeglicher Bezug zur Ausübung eines Berufes verloren – sofern er überhaupt jemals entwickelt werden konnte – und reduziert Arbeit auf den Faktor der finanziellen Absicherung des Lebens.

Inwieweit beeinflussen das soziale Umfeld oder die Stellung in der Gesellschaft solche Entwicklungen?

Stangl: Für die aktuelle Jugendszene sind vor allem der Fun-Faktor und eine starke Gegenwartsorientierung kennzeichnend. Das Jugendalter wird nicht mehr als Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsensein betrachtet, die es möglichst schnell zu überwinden gilt, sondern wird von Jugendlichen als eine Lebensphase aufgefasst, in der es darum geht, „Spaß“ zu haben, das Leben zu genießen, und wenig an die ohnehin schwer vorhersehbare Zukunft zu denken. Dies führt letztlich auch dazu, hohe und überhöhte Ansprüche an Arbeit und Arbeitsplatz zu stellen und sie bei Mängeln rasch als der eigenen Person nicht entsprechend einzustufen. Wenn ein Beruf den persönlichen Ansprüchen nach Selbstverwirklichung nicht entspricht, kommt es daher zu frühzeitigen Auflösungen von Arbeitsbeziehungen. Diese Tendenzen werden oft durch das soziale Umfeld (Peers) gestützt. Jugendliche, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss oder eine niedrige berufliche Stellung besitzen, haben in Ausbildung und Lehre wesentlich höhere Dropoutraten.

Wie beeinflusst Arbeitslosigkeit das Leben abseits des Jobs?

Stangl: Misserfolge gelten in einer Leistungsgesesllschaft als Zeichen individuellen Versagens. Keinen Beruf zu haben oder zu finden ist daher oft mit Isolierung verbunden. Der Konsum von bestimmten Gütern und Dienstleistungen hat für viele Jugendliche eine Funktion zur Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung bekommen, ist also ein Ausdrucksmittel, mit dem die Zugehörigkeit zur Erwachsenenwelt demonstriert werden kann. Das Teilhaben am Leben ist somit in hohem Ausmaß durch die Verfügung über finanzielle Mittel definiert, sodass ein Ausschluss aus der Erwerbswelt auch den Ausschluss aus der „normalen“ Lebenswelt bedeutet, mit all den sozialen und psychischen Folgen.

Warum wissen viele 14-15 Jährige nicht, welchen Beruf sie ergreifen möchten?

Stangl: Der Weg in den Beruf führt normalerweise von der Unterstützung durch die Familie über die Auseinandersetzung mit beruflichen Themen in der Schule und in den Medien, das Gespräch mit Freunden bis hin zur Berufsberatung in den diversen Berufsberatungseinrichtungen. Diese Instanzen fallen heute in vielen Fällen aus bzw. sind kaum mehr in der Lage, ein konsistentes Bild der Berufswelt zu erzeugen, denn die Berufswelt ist zweifelsohne unübersichtlicher geworden. Die öffentlichen Diskussionen um die Zukunft der Arbeitswelt zeigen, dass schon bald niemand mehr in seinem Leben wie vor fünfzig Jahren nur mehr einen einzigen Beruf ausüben wird, dass man unter Umständen oft mehrere gleichzeitig ausüben muss, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Berufspraktika, Schnupperlehren, berufspraktische Tage oder Berufsmessen sind zwar gute Möglichkeiten, in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern, allerdings setzen sie zahlreiche Vorentscheidungen und Vorerfahrungen voraus.

Gibt es einen Trend zur Orientierungslosigkeit?

Stangl: Jugend wird wird oft gleichgesetzt mit Gesundheit, Stärke und Belastbarkeit, doch ist dieses Klischee heute nicht mehr aufrecht zu erhalten, denn die Jugendlichen müssen einen hohen Preis für die auch sicherlich vermehrten sozialen Chancen unserer Zeit zahlen. Der Druck, den Anforderungen der Leistungsgesellschaft gerecht zu werden, ist enorm gestiegen, vor allem im Hinblick auf die hohe Arbeitslosigkeit und den Mangel an Lehrstellen und somit an Zukunftsperspektiven. Hinzu kommen oft die zum Teil überzogenen Schulabschlussvorstellungen der Eltern, von denen die meisten bei Schuleintritt des Kindes hoffen, das Kind würde zumindest die mittlere Reife erlangen. Diese Erwartungen erzeugen schon in früher Kindheit einen enormen Leistungsdruck. Stresssymptome zeigen sich dann besonders bei auch sozial benachteiligten Jugendlichen, die auf Grund eines mangelnden Schulabschlusses oder mangelnder sozialer Kompetenz nur wenig Aussicht auf einen Ausbildungsplatz haben.

Was war vor 20 Jahren anders?

Stangl: Heute fühlen sich schon Schüler noch vor dem Eintritt in das Berufsleben vom Problem der Arbeitslosigkeit bedroht. Die Befürchtung, eines Tages ohne Job dazustehen, rangiert nach Studien bei den 12- bis 24-jährigen inzwischen vor allen anderen Ängsten. Oft fehlt es an geeigneten Organisationen und Strukturen, in denen sie etwas bewirken können, sodass sie sich an ihre eigenen jugendspezifischen Kulturen halten, die einem gesamtgesellschaftlichen Trend folgend immer diffuser und flexibler werden.
Probleme beim Einstieg in den Arbeitsmarkt werden jetzt oft von Generation zu Generation weitergegeben, denn Jugendliche mit arbeitslosen Eltern sind wesentlich häufiger auch arbeitslos.

Wie sinnvoll sind denn eigentlich Berufsorientierungskurse?

Stangl: Für Jugendliche sind Kurse zur Berufsorientierung eine Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen, wobei sie gleichzeitig bei ihrer Suche nach Arbeit unterstützt werden. Jugendliche, die ihre Lehre oder die Schule abgebrochen haben, können sich in solchen Kursen neu orientieren. Sie können in einem sozialen Umfeld ihre Stärken und Schwächen entdecken. Morgens einen Grund zu haben um aufzustehen und aus dem Haus zu gehen, sich mit anderen Betroffenen über die Lebenssituation auszutauschen, geben zeitlichen und strukturellen Halt. Oft sind Kurse aber Verlegenheitslösungen, die von ihren Inhalten her nicht den Bedürfnissen der Jugendlichen nach berufsvorbereitenden Inhalten entsprechen. Solche Kurse können auch die Erwartungshaltung an die Institutionen bzw. die Gesellschaft verstärken und die Eigeninitiative reduzieren. Die Unterrichtenden in solchen Kursen sind manchmal selber in einer ähnlichen Situation wie die von ihnen betreuten Jugendlichen, da sie ohne diese Kurse ebenfalls arbeitslos wären.

Kann eine gute Ausbildung vor Orientierungslosigkeit schützen?

Stangl: Selbst hochwertige schulische Abschlüsse bieten heute keine Garantie für den sofortigen Zugang zum Erwerbsleben, vielmehr bedeuten sie für den Einzelnen manchmal von Beginn an Konkurrenz und Leistungsdruck. Schon vor Verlassen der Schule erleben viele Schüler bei der Bewerbung um Lehrstellen, dass ein wenig zufriedenstellendes Hauptschulabschlusszeugnis nur geringe Verwertungschancen am Arbeitsplatz hat. Manchen Jugendlichen fehlt es daher gar nicht so sehr an Qualifikationen, sondern an Zukunftsperspektiven, wenn sie am kritischen Punkt nach Pflichtschule oder auch nach einem höheren Bildungsabschluss den Einstieg ins Berufsleben nicht schaffen, weil sie ungenügend auf die kommenden Anforderungen vorbereitet wurden. Nach einer Untersuchung des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung vor einigen Jahren sagte etwa die Hälfte, dass sie in der zuletzt besuchten Schule nicht das Fach „Berufsorientierung“ hatte, obwohl das eine verbindliche Übung darstellt. Insbesondere hatten in der AHS-Unterstufe etwa zwei Drittel der Jugendlichen keinen solchen Unterricht. Jugendliche ohne weiterführenden Abschluss sagten sogar zu 70 Prozent, sie hatten keine Berufsberatung in der Schule.

Interview: Stefanie Platzgummer

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