Lernpsychologe Werner Stangl: „Nach der Matura auf zur Millionenshow“

LINZ. Rund 7000 junge Oberösterreicher bereiten sich derzeit auf die mündliche Matura vor und stehen damit auf dem Höchststand ihres Allgemeinwissens. Lernpsychologe Werner Stangl von der Linzer Kepler-Uni weiß, wie schnell Erlerntes wieder verloren gehen kann.

OÖN: So viel Allgemeinwissen wie bei der Matura hat man nie wieder …

Stangl: So ist es – später dominiert das Fachwissen. Wer also großes Geld bei der Millionenshow machen möchte, sollte sich gleich nach der Reifeprüfung bei diversen Quizshows bewerben …

OÖN: Den Tag der Matura vergisst man nie, die Lerninhalte schon – warum ist das so?

Stangl: Der Tag ist mit Emotionen besetzt: Angst und Freude wechseln sich ab. Gefühle merkt sich das menschliche Gehirn viel leichter. Beim Schulstoff ist es die Tragik, dass meistens auf den Termin gelernt wird und keine Wiederholungen mehr stattfinden. Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus (siehe Grafik) besagt: Alles, was man an einem Tag beherrscht, ist tags darauf nur noch zur Hälfte da. Zumindest dann, wenn man den Stoff nicht wiederholt.

OÖN: Der Schlüssel liegt also im stetigen Wiederholen …

Stangl: Auf jeden Fall – Wiederholungen erhalten die Kurve des Behaltens auf einem gewissen Niveau. Vergessen ist aber nicht nur negativ zu sehen, es hat auch eine wichtige Funktion: Es gäbe nichts Schlimmeres, als wenn das Gehirn stets aufgefüllt werden würde.

OÖN: Es liegt also nicht an der Art der Vermittlung?

Stangl: Es liegt daran, wie Wissen geprüft wird. Man muss den großen Zusammenhang immer wieder zeigen. Pädagogen kennen ihn, den Elchtest der Lehrer: Wenn man einen Monat nach einem Test oder einer Schularbeit den Schülern dieselben Fragen noch einmal stellt, sieht man, dass fast nichts mehr von den Inhalten da ist. Das Zauberwort ist also wiederholen.

OÖN: Wie sollten Lehrer Wissen demnach abprüfen?

Stangl: In Zusammenhängen, die die Person als solche betreffen. Es geht darum, was man mit dem Wissen später alles anfangen kann. Wenn ein Kind sagt: „Ich will später einmal Kernphysikerin werden“, wird es sich für die Fächer Physik und Chemie interessieren.

OÖN: Wie können Lehrer die Schüler zum Lernen motivieren?

Stangl: Die Motivation muss immer selbst vom Schüler ausgehen. Der Lehrer kann nur die Rahmenbedingungen schaffen, dass sich Schüler selbst motivieren.

OÖN: Wie viele Stunden sollten unsere Maturanten derzeit täglich lernen?

Stangl: Vier Stunden über den Tag verteilt hat einen sehr guten Effekt.

OÖN: Welche Inhalte vergisst man am schnellsten?

Stangl: Kommt natürlich darauf an, in welchem Berufsfeld man sich dann betätigt. Wenn man nicht viel mit Mathematik am Hut hat, dürfte das sehr schnell weg sein. Auch Lehrstoffe wie Geschichte oder Geographie verschwinden schnell, weil man sie selten im Leben wiedertrifft.

OÖN: Wie schaut es mit den Fremdsprachen aus?

Stangl: Das Schulwissen von Sprachen ist relativ sinnlos, denn Sprachen lernt man nicht durch Vokabel. Zwei Monate Aufenthalt in einem fremdsprachigen Land bringen mehr für die Sprachkompetenz als acht Jahre Unterricht.

Reaktionen von LeserInnen

Herr Stangl, das ist Unsinn! · von oblio · 27.05.2011 07:45 Uhr
So viel Allgemeinwissen wie bei der Matura hat man nie wieder.?
Damit wäre jedes weitere Studium völlig sinnlos!
Ungefähr nach dem Motto:
was Hänschen nicht lernt,
lernt Hans nimmermehr!?
Herr Stangl, normalerweise lernt man ein Leben lang!
Warum wird in Erwachsenenbildung investiert?
Man hat ein Basiswissen nach der Matura,
auf dem aufgebaut werden kann ind soll!
Verloren geht vieles?
Eigentlich nur,
was nicht ständig trainiert und benötigt wird!
Denn sonst, Herr Stangl, wäre weiteres Lernen
nicht so leicht verkraftbar!

Herr Stangl, das ist Unsinn! … · von stangl · 27.05.2011 09:19 Uhr
Lieber Oblio, Sie haben leider die Argumentation nicht genau genug gelesen und verstanden: es geht um die Breite des Wissens, nicht den Umfang. Und diese Breite wird in solchen Quizshows abgefragt und ist zur Zeit der Matura am höchsten, weil man aus fast allen Wissensgebieten in einem breiten Fächerkanon unserer Schulen ein wenig mitbekommen hat. Sie finden in meiner Argumentation keinen Widerspruch zum lebenslangen Lernen – das war auch nicht Thema des Interviews, sondern das des Vergessens, wie Sie sinnigerweise Ihren Nickname gewählt haben.
BTW: Der einzige kleine Fehler liegt in der Grafik im Zeitungsartikel, der am Ende einen falschen Verlauf zeigt – richtig wäre der wie auf
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/
Vergessen-Ebbinghaus.shtml

Bitte vor einem Schnellschuss bei einer Antwort die Argumentation genau lesen

Kleiner Nachtrag zu Oblio · von stangl · 27.05.2011 09:38 Uhr
Die von Ihnen bei der Argumentation praktizierte Form des Vergessens betrifft übrigens weniger die von mir angesprochene des Langzeitgedächtnisses, sondern eher die des sensorischen Registers bzw. des Kurzzeitgedächtnisses, die das zuvor Gelesene präsent halten, um eine Argumentation in ihrer Gesamtheit nachvollziehen zu können. Auch das ist nachlesbar unter
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/ModelleSpeicher.shtml

Allgemeinwissen vs. Studium · von stoeffoe · 27.05.2011 09:52 Uhr
Also vom Prinzip und vom Namen her ist das schon so:
Allgemeinbildende Höhere Schule
(BHS lasse ich jetzt mal weg).
Das Studium ist dann für Fach- und Spezialwissen.
Ich bin noch in den Genuss (des leider heute Anachronismus) Allgemeinbildung gekommen.
Womit ich nicht behaupten will, ich hätte seither nichts dazugelernt – im Gegenteil. Aber viele für Millionenshow-Fragen abrufbare Fakten sind seit der Matura schon verloren gegangen.
Eine Ahnung bleibt – aber man braucht dann doch den 50:50-Joker …

Vergessenskurve Ebbinghaus

Quelle: http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/art4,633743 (27-05-11)



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