Poetische Sprache bringt das Gehirn ins Schwingen

Poetische Sprache in Form von Lyrik weicht in der Regel von Alltagsprache ab, wobei einzigartige, oft ungewöhnliche Wortkombinationen gewählt werden, um die poetische Wirkung zu maximieren, etwa durch festgelegte Vers- oder Reimstrukturen von Gedichten. Gedichte sind als ästhetische Artefakte in allen menschlichen Kulturen tief verwurzelt, doch trotz ihrer Verbreitung werden die neuronalen Mechanismen, die bei der Wahrnehmung von Gedichten im Gehirn ablaufen, nur selten untersucht. Teng et al. (2020) haben mit einer Kombination von künstlicher Intelligenz und Neurophysiologie erstmals gezeigt, dass die streng strukturierte Form von Gedichten deren Wahrnehmung erleichtert, d. h., dass die feststehende Struktur von Gedichten als mentale Vorlage dienen kann, die es Lesern und Zuhörern erlaubt, kreative poetische Sprache in schlüssige Zusammenhänge zu gruppieren.

Um das zu überprüfen, konzentrierte man sich auf Jueju-Gedichte, einer Form altchinesischer Dichtung, die einen äußerst strengen Stil aufweisen. Jueju stammt aus der Tang-Zeit und besteht aus einer Strophe à vier Versen mit jeweils fünf oder sieben Schriftzeichen. Die ersten und die zweiten beiden Verse einer Strophe werden zu einem Paar zusammengefasst, für die bestimmte Regeln gelten. So muss etwa der Auslaut der letzten Silbe des zweiten und vierten Verses sich reimen, der dritte Vers darf sich auch reimen, der erste muss allerdings dann einen anderen Auslaut haben. Wenn ein Jueju gelesen wird, so ist nach der jeweils zweiten Silbe einer Zeile eine Zäsur zu machen.

Mit Hilfe eines neuronalen Netzwerks generierten Teng et al. (2020) künstliche Jueju-Gedichte mit von ihnen bestimmten poetischen Inhalten, wobei fast achtzigtausend altchinesische Gedichte aus fünf Dynastien in die künstliche Intelligenz eingespeist wurden, die dadurch lernte, Gedichte auf Grundlage des Jueju-Stils zu erstellen. Anschließend fügten die Forscher jedes der Gedichte zu einem Sprachfluss zusammen und entfernten dabei die Pausen, die Intonation und andere prosodische Anhaltspunkte eines menschlichen Sprechers, so dass sich die Zuhörer auf ihr Wissen über poetische Strukturen verlassen mussten, um den Sprachfluss zu analysieren.

Bei der Untersuchung lagen chinesische Muttersprachler in einem MEG-Scanner, wobei man versuchte, neuronale Signale in den Gehirnen der Studienteilnehmer zu erkennen, die den poetischen Strukturen der Jueju-Gedichte entsprachen. Man entdeckte dabei einen Hirnrhythmus von etwa 0,67 Hertz, der der Zeilenstruktur von Jueju entspricht. Obwohl die Zuhörer jedes Gedicht zum ersten Mal hörten und nicht jede Zeile des Altchinesischen vollständig verstehen konnten, erkannten sie dennoch die strenge Struktur und gruppierten den poetischen Sprachfluss in Verse, entsprechend ihrer Vorkenntnisse von Jueju. Bei einem zweiten Durchgang hatte ihr Gehirn die Struktur bereits erlernt und konnte den Verlauf der Gedichte vorhersagen, wodurch sich ihr Hirnrhythmus beschleunigte. Die Ergebnisse zeigen, dass die strengen Strukturen in Gedichten es den Zuhörern erleichterten, inhaltlichen Zusammenhänge in den Gedichten zu identifizieren und zu gruppieren sowie mentale Prognosen über den weiteren Verlauf zu erstellen. Damit liefert die Studie auch Hinweise darauf, dass für die ästhetische Wahrnehmung von Gedichten nicht nur die poetische Sprache allein, sondern insbesondere das Zusammenspiel von einer vorhersehbaren Struktur und unvorhersehbaren Inhalten wesentlich ist.

Literatur

Teng, Xiangbin, Ma, Min, Yang, Jinbiao, Blohm, Stefan, Cai, Qing & Tian, Xing (2020). Constrained Structure of Ancient Chinese Poetry Facilitates Speech Content Grouping. Current Biology, 30, 1299-1305.
https://idw-online.de/de/news744783 (20-04-17)
https://de.wikipedia.org/wiki/Jueju (20-04-17)



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