Positive Psychologie, eine gefährliche Pseudowissenschaft?

Glücks-Ratgeber schaffen es regelmäßig auf die Bestseller-Listen, Glücks-Coaches machen gute Geschäfte und in einem Ranking wird jedes Jahr das glücklichste Land der Welt gewählt. Die Positive Psychologie ist für Cabanas & Illouz (2019) eine gefährliche Pseudowissenschaft, denn dadurch werden Verluste und Schmerz, die zum Leben nun einmal dazu gehörten, zu etwas Unnützem stigmatisiert, wobei der einzelne Mensch auch noch dafür verantwortlich gemacht wird. Insgesamt führt dadurch die Positive Psychologie zur Vereinzelung und Entsolidarisierung und entlässt auch den Staat aus seiner sozialen Verantwortung, d. h., die Glücksindustrie ist damit ein kongenialer Begleiter des Neoliberalismus.

Das Gerede vom Wohlbefinden als Inbegriff eines guten Lebens kaschiert nach Ansicht der Autoren Ungerechtigkeit, lenkt von sozialen Missständen ab und ist letztlich eine fragwürdige Geschäftsidee, mit der selbst ernannte Experten und Expertinnen Geld verdienen. So hat etwa Martin Seligman vor rund 20 Jahren seinen Vorsitz bei der amerikanischen Psychologenvereinigung  ausgenutzt, um seine Idee einer Positiven Psychologie zu bewerben und seine Bücher wie “Pessimisten küsst man nicht” zu propagieren. Die seither prosperierende Glücksbranche scheitert allerdings an ihren eigenen Versprechen, weil Glück ein Kontrastempfinden ist, d. h., es gibt kein andauerndes Hochgefühl, denn es nutzt sich rasch ab. Zudem gilt es sich daran zu erinnern, dass Frustration, Angst, Trauer und Wut wichtige Antriebe darstellen, d. h., Menschen sollten nach Illouz und Cabanas nach Erkenntnis und Gerechtigkeit streben, denn das sind die entscheidenden Werte, sind der moralische Sinn des Lebens.

Nicht wenige sehen hinter der Positiven Psychologie eine Ideologie, die dem Menschen aufzwingt, sich immer wieder in Eigenregie zu optimieren. Illouz und Cabanas unterscheiden dabei allerdings nicht zwischen der Positiven Psychologie als empirischer Wissenschaft und dem, was daraus in der Praxis gemacht wird. Jene Menschen, die die Ideen der Positiven Psychologie in die Praxis tragen, sind oft mit viel Idealismus dabei, was dann in Ideologie umschlagen kann, indem in der Praxis zum Teil enthusiastische Leitsätze verwendet werden wie »Jeder Mensch kann lernen, glücklich zu sein«. Das ist aber nicht nur wissenschaftlich in dieser Absolutheit nicht haltbar, sondern kann auch ideologischen Druck auf all jene ausüben, die sich unglücklich fühlen. Die Positive Psychologie als Wissenschaft ist hingegen keine Ideologie, sondern versucht, empirisch das Glück zu erforschen. Es gibt aber sehr viele Ansätze, etwa im Coaching oder in der Beratung, wo man sich nicht um wissenschaftliche Evidenz kümmert, wobei Menschen, die selbst nicht aus der Psychologie kommen, Methoden anwenden, die sie mit Ideologien oder Glaubenssätzen im Hinblick auf deren Wirksamkeit und zu erwartenden Effekten verbinden, die so nicht zu erwarten sind oder überzogen sind.

Stimmungstracker

Seit einiger Zeit werden im Zusammenhang mit der Positiven Psychologie Stimmungstracker angeboten, mit deren Hilfe man sein Wohlbefinden erfassen kann. Es gibt diese als Apps, die über Fragebögen den aktuellen Gemütszustand der NutzerInnen abfragen, aber auch in Form von Apps oder von am Körper getragenen Geräten, die versuchen, über körperliche Signale wie die Pulsrate Rückschlüsse auf den emotionalen Zustand zu ziehen. Nach Ansicht von ExpertInnen haben beide Varianten ihre Schwächen, denn misst eine App körperliche Aspekte wie etwa die Pulsrate, kann diese für ganz unterschiedliche Gefühle stehen, d. h., ein hoher Puls kann für Angst stehen, wenn das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird, doch ein hoher Puls kann auch freudige Erregung bedeuten. Nicht alle Menschen sind gut darin, unterschiedliche emotionale Zustände zu unterscheiden und diese in Worte zu fassen, wobei Apps, die per Selbstauskunft die Zufriedenheit erfassen, vor allem damit kämpfen, unterschiedliche emotionale Zustände überhaupt zu unterscheiden. Auch geben solche Apps in der Regel nur sehr einfache Kategorien für Emotionen zur Auswahl vor, d. h., die NutzerInnen sollen sich etwa entscheiden, ob sie Angst, Stress oder Gelassenheit verspüren. Oft handelt es sich dabei aber nur um Grundemotionen, die den verschiedenen Gefühlsschattierungen nicht gerecht werden. Darüber hinaus verhindert eine solche Vorgabe von einfachen Emotionen bei manchen Menschen, in sich zu gehen und über ihre Gefühle zu reflektieren.

Manche Apps wollen aber nicht nur das Wohlbefinden erfassen, sondern sie wollen es auch positiv beeinflussen, indem man verschiedene psychologische Übungen durchführen muss, etwa dass man drei gute Dinge nennen soll, die einem heute widerfahren sind und für die man dankbar ist. Wie gut eine solche Optimierung funktioniert, hat man durch eine Auswertung der Daten von UserInnen einer solchen App ausgewertet, wobei sich zeigte, dass sich im Verlauf von acht Wochen das Wohlbefinden der untersuchten Nutzer im Schnitt um 27 Prozent verbesserte. Jedoch bleibt es unklar, ob die Verbesserung des Wohlbefindens mit der App selbst zusammenhängt oder damit, dass man eben ganz allgemein an seinem Wohlbefinden arbeitet (siehe den Hawthorne-Effekt). Die Erfolgsaussichten sind dann gut, wenn eine App dauerhaft dazu motiviert, diese zu nutzen oder neue Verhaltensgewohnheiten auszuprobieren, wobei man erfahrungsgemäß rund zwei Monate braucht, um eine neue Gewohnheit auszubilden, denn dann lassen sich auch dauerhafte Effekte erzielen. Apps können Menschen immerhin in regelmäßigen Abständen dazu anhalten, ihr Tun und Treiben zu unterbrechen und auf sich selbst zu schauen, sich etwa zu fragen: Wie geht es mir gerade? Wie kann ich mich vielleicht etwas besser fühlen? Doch für eine differenzierte und nachhaltige Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen braucht es in der Regel aber mehr als eine App, denn es ist immer auch zu bedenken, dass das Streben nach Glück auch nach hinten losgehen kann, denn Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die nach der Optimierung ihres Glücks streben, sogar unglücklicher werden, weil sie sich immer an einem besonders hohen Standard messen. Dadurch kann ein zu großer Druck bei der Selbstoptimierung auch kontraproduktiv sein (Wolf, 2020).

Literatur

Cabanas, E. & Illouz, E. (2019). Das Glücksdiktat – Und wie es unser Leben beherrscht. Berlin: Suhrkamp Verlag.
Wolf, C. (2020). Stimmungstracker: Lässt sich das eigene Glück wirklich messen? Redaktionsnetzwerk Deutschland von 2. Mai 2020.
https://www.spektrum.de/news/haelt-die-positive-psychologie-was-sie-verspricht/1724410 (20-04-20)



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