Verteidiger und Entdecker – Ursachen gesellschaftliche Konflikte

Das Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster hat Identitätsfragen (Wer gehört zu den Verlierern in der Gesellschaft? Wer fühlt sich durch wen bedroht? Wer sieht sich im jeweiligen politischen System repräsentiert?) mehr als fünftausend repräsentativ ausgesuchten Menschen in Deutschland, Frankreich, Schweden und Polen gestellt. Man konnte mit Hilfe dieser umfassenden Datenbasis zeigen, dass sich hinter diesen viel diskutierten Konfliktthemen tatsächlich ein gemeinsamer Identitätskonflikt verbirgt, nämlich der zwischen Verteidigern und Entdeckern, hinter denen zwei Arten von grundlegenden, jeweils legitimen Bedürfnissen nach Sicherheit und Stabilität beziehungsweise nach Offenheit und Veränderung stehen. Man fand dabei konsistente Hinweise für eher stabile Bedürfnisunterschiede, die hinter diesen unterschiedlichen Identitätsvorstellungen von Verteidigern und Entdeckern stehen. Sie unterscheiden sich in relativ stabilen kulturellen, sozialen, psychologischen und religiösen Prägungen.

  • Verteidiger sind eher älter, niedriger gebildet, wohnen eher ländlich und sind heimatverbundener und religiöser und zeigen eine stärkere Präferenz für klarere gesellschaftliche Hierarchien und eine stärkere allgemeine Skepsis gegenüber anderen Menschen. Die Gruppe der Verteidiger vertritt ein enges Konzept der Zugehörigkeit zum eigenen Land. Demnach gehört nur dazu, wer im Land geboren wurde, Vorfahren der ethnisch-nationalen Mehrheit hat und/oder der dominanten Religion angehört. Sie verteidigt traditionelle Kriterien wie ethnische und religiöse Homogenität. Verteidiger sehen sich durch Muslime und Geflüchtete bedroht. Mit der Demokratie sind sie eher unzufrieden, fühlen sich schlecht repräsentiert.
  • Entdecker hingegen sind eher hochgebildet, wohnen eher in der Stadt, sind eher kosmopolitisch und weniger religiös, haben keine Präferenz für starke gesellschaftliche Hierarchien und eher ein allgemeines Vertrauen in Menschen. Die Gruppe der Entdecker lehnt eine nach ethnisch-religiösen Kriterien definierte Zugehörigkeit ab. Mitglieder dieser Gruppe fühlen sich nicht durch Fremde bedroht. Zuwanderung und wachsende Vielfalt bewerten sie als Chance und plädieren für eine Gesellschaft mit vielen gleichberechtigten Lebenskonzepten. Sie sehen sich gut repräsentiert, sind zufriedener mit der Demokratie und vertrauen eher den politischen Institutionen.

Auf einer übergreifenden Ebene lassen sich diese Charakteristika von Entdeckern und Verteidigern interpretieren als Unterschied darin, in den eigenen Bedürfnissen eher auf Sicherheit und Stabilität oder auf Offenheit und Veränderung zu fokussieren. Ein hoher Prozentsatz der Befragten in allen vier untersuchten Ländern ordnet sich diesen zwei Lagern zu, in Polen etwa 72 Prozent, in Deutschland 34 Prozent.

Literatur

https://www.deutschlandfunk.de/gendersternchen-klimakrise-islam-die-spaltung-der-100.html (21-11-14)