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Wann beginnt das menschliche Gedächtnis wirklich?

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    Lange Zeit hielt sich in der Wissenschaft wie auch im Alltag die Annahme, dass das menschliche Gehirn erst ab etwa dem dritten Lebensjahr in der Lage ist, dauerhafte Erinnerungen zu bilden. Was davor geschieht, so die bisherige Vermutung, verweht spurlos in der sogenannten kindlichen Amnesie. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeichnen jedoch ein völlig anderes Bild: Die Fähigkeit des Gehirns, Erlebnisse zu verarbeiten und abzuspeichern, setzt wesentlich früher ein als gedacht – nämlich bereits rund um den ersten Geburtstag.

    Möglich wurden diese Erkenntnisse durch moderne bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie. Sie erlauben einen direkten Blick auf die neuronalen Abläufe im Kleinkindgehirn, ohne die Kleinen zu belasten. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Hippocampus, jener Schalzentrale im Gehirn, die maßgeblich für das Entstehen und Verankern persönlicher Erfahrungen verantwortlich ist. Experimente zeigen, dass diese Region schon bei einjährigen Kindern aktiv auf vertraute Reize reagiert. Wenn Kleinkindern bekannte und neue visuelle Eindrücke gezeigt werden, lassen sich klare Anzeichen dafür messen, dass das Gehirn das Wiedererkennen registriert und verarbeitet.

    Dass Erwachsene sich später dennoch nicht aktiv an ihre ersten zwei oder drei Lebensjahre erinnern können, liegt also keineswegs daran, dass damals keine Spuren hinterlassen wurden. Die Erlebnisse werden durchaus abgespeichert; blockiert ist im späteren Leben lediglich der bewusste Zugriff auf diese frühen Ablagen.

    Diese Prämisse verändert auch den Blick auf die frühkindliche Entwicklung fundamental. Selbst wenn Kinder spätere Alltagsszenen, Spiele oder Stimmen nicht mehr bewusst abrufen können, prägen die positiven wie negativen Eindrücke der ersten Lebensmonate das Unterbewusstsein nachhaltig. Das unterstreicht, wie entscheidend ein geschütztes, liebevolles Umfeld von Anfang an ist – denn auch seelische Belastungen oder Verletzungen aus dieser frühen Phase können sich tief im Nervensystem festsetzen und das spätere Leben unbemerkt beeinflussen.

    Literatur

    Stangl, W. (2017, 26. Juli). infantile Amnesie. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
    https:// lexikon.stangl.eu/5740/infantile-amnesie.

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