Was regt die mütterliche Fürsorge an?

Mütterliche Säugetiere zeigen eine erhöhte Motivation, sich um ihre Nachkommen zu kümmern, aber die zugrundeliegenden neuromolekularen Mechanismen sind noch ungeklärt. Aus früheren Studien ist bekannt, dass eine bestimmte Region im Hypothalamus (medial preoptic area) eine zentrale Rolle bei der Nachwuchspflege spielt, wobei Oxytocin in diesem Areal das Verhalten von Müttern und Vätern gegenüber ihren Jungen reguliert.  Oxytocin ist an der Regulierung des sozialen Verhaltens einschließlich des elterlichen Verhaltens bei einer Vielzahl von Lebewesen beteiligt, indem Oxytocin soziale Verhaltensweisen auslöst, indem es an Oxytocin-Rezeptoren in verschiedenen Arealen des Gehirns andockt. Bisher gab es jedoch keine eindeutigen Belege für die Annahme, dass sich das Oxytocin-System im Gehirn von Frauen und Männern unterscheidet. Sharma et al. (2019) identifizierten bei Mäusen nun eine Region im Hypothalamus, die sich bei Männchen und Weibchen deutlich voneinander unterscheidet, denn nur weibliche Tiere verfügen dort über Gehirnzellen, die für den Botenstoff Oxytocin sensibel sind. Während Mäuseweibchen über zahlreiche Neuronen mit Oxytocin-Rezeptoren in diesem Areal verfügten, kamen solche Zellen bei den Männchen dort so gut wie gar nicht vor. Diese Zellen besaßen zusätzlich Rezeptoren für das weibliche Geschlechtshormon Östrogen, wobei sich in Abwesenheit des weiblichen Sexualhormons die Neuronen keine Oxytocin-Rezeptoren mehr bildeten. Die Ergebnisse belegen demnach, dass die Expression von Oxytocin-Rezeptoren spezifisch weiblich ist und von Östrogen abhängt. Diese auf Oxytocin reagierenden Neuronen in dieser Region des Hypothalamus spielen also eine wichtige Rolle für die weibliche Physiologie und das weibliche Verhalten, allen voran für den Mutterinstinkt. Man vermutet, dass dieser Zusammenhang nicht nur für Mäuse gilt, sondern für alle Säugetiere, die mütterliche Fürsorge zeigen, einschließlich des Menschen. Yoshihara et al. (2021) haben nun festgestellt, dass in dieser Region Nervenzellen mit einem bestimmten Protein-Rezeptor (Calcinotin) bei zu Jungmüttern gewordenen Mäusen viel häufiger sind als bei anderen Weibchen oder Männchen. Wenn man diese Areale bei Jungmüttern blockiert, stellen diese die Nachwuchspflege ein, etwa indem sie mit dem Nestbau aufhören und weggelaufenen Nachwuchs nicht wieder zurückholten. Diese Daten deuten darauf hin, dass diese Neuronen sowohl für mütterliches Fürsorgeverhalten erforderlich sind und dass eine Hochregulierung der Signalübertragung zumindest teilweise die mütterliche Fürsorge vermittelt, möglicherweise über eine veränderte Konnektomik dieser spezifischen Neuronen nach der Geburt.

Literatur

Stangl, W. (2021). Stichwort: ‘Mutterinstinkt’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/26103/mutterinstinkt (2021-06-02)

Sharma, K., LeBlanc, R., Haque, M., Nishimori, K., Reid, M. M. & Teruyama, R. (2019). Sexually dimorphic oxytocin receptor-expressing neurons in the preoptic area of the mouse brain. PLoS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0219784.
Yoshihara et al. (2021). Calcitonin receptor signaling in the medial preoptic area enables risk-taking maternal care. Cell Reports, 35, 109-204.

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