Wie reagiert nationale Steuerung auf transnationale Bildungsungleichheiten?

Zur Verschränkung von Steuerungs- und Ungleichheitsforschung

Im Bolognaprozess sowie im Anschluss an die PISA-Untersuchungen sind nicht nur der Umbau von Schul- und Hochschulsystemen, sondern auch der Abbau von Bildungsungleichheiten zum Programm erhoben werden. Doch im wissenschaftlichen Diskurs bleibt die Steuerungs- und Governanceforschung getrennt von der Ungleichheitsforschung. In der Adhoc-Gruppe sollen diese beiden Sichtweisen – Steuerung und Ungleichheit – ins Gespräch gebracht werden. Bildungssysteme sind aktuell nur noch im Weltmaßstab adäquat zu begreifen: Sie werden internationalisiert – intentional durch Modularisierung, Standardisierung, Vergleichsuntersuchungen, benchmarking und Schaffung eines europäischen Hochschulraums, transintentional vor allem durch Migrationseffekte, aber auch durch erste Auswirkungen zunehmender internationaler und globaler Konkurrenz von Bildungsanbietern, wie sie durch GATS- und WTO-Abkommen eingeleitet wurde. Diskussionen um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit machen deutlich, dass sich Bildungssysteme mehr oder weniger stark darauf einstellen müssen, ihre Bildungsangebote auf Bedarfe heterogener Akteure auszurichten. Mit anderen Worten: neben „alten“ nationalen werden neue internationale und globale Bildungsungleichheiten virulent. Doch die Antworten der Bildungssysteme auf diese Tendenzen zur Transnationalisierung, ja Globalisierung fallen bislang jeweils nationalspezifisch aus. Der Leistungswettbewerb beispielsweise spielt sich vorwiegend innerhalb nationaler Grenzen ab. Schulen und Hochschulen konkurrieren jeweils darum, „beste“ AspirantInnen von Bildungsleistungen mitentsprechenden Bildungszertifikaten auszustatten, damit sie sich in ihre nationalen Arbeitsmärkte inkludieren. Dafür stehen jedoch nur jeweils national begrenzte (Um-)Steuerungs-Ressourcen und-Strategien zur Verfügung. In kleinteiligen föderalistischen Bildungssystemen wie dem deutschen kommt die verschärfte innerstaatliche Konkurrenz hinzu: Sowohl Steuerungsinitiativen als auchFörderstrategien zur Erhöhung der Bildungsbeteiligung scheinen mit der Zahl der Bundesländer zu korrelieren, ohne dass sich eine „best practice“ herauskristallisiert. In den theoretischen und praktischen Ansätzen zur Steuerung von Bildungssystemen wird zwar die „Internationalisierung“ und Transnationalisierung von Bildung berücksichtigt, insofern untersucht wird, wie sich ein internationaler Mainstream der Steuerung von Bildungssystemen – durch Einführung neuer Steuerungselemente wie die fortlaufende Testung von Schülerleistungen, externe Zielvorgaben (Bildungsstandards), nationales Bildungsmonitoring, Profilbildung und Evaluation – in den einzelnen Ländern durchsetzt. Ebenfalls wird untersucht, wie dies die institutionelle Landkarte des Bildungssystems verändert, durch neue Akteure wie Evaluationsinstitute, Akkreditierungsagenturen, Schulinspektion, und neue Managementverfahren, Bildungsindikatoren und Leistungstests.  Doch fragt man danach, inwieweit diese neuen Steuerungsinstrumente auf die diagnostizierten Bildungsungleichheiten reagieren, und wie die Steuerungs- und Governance-Forschung im Bildungsbereich überhaupt mit Konzepten aus der sozialen Ungleichheitsforschung arbeitet – und fragt man weiter, inwieweit sich die (Bildungs-)Ungleichheitsforschung mit (Um-)Steuerungsfragen befasst, fallen die Antworten ernüchternd aus: So gut wie gar nicht. Aspekte der Steuerung von Bildungseinrichtung, des Managements, der Governance einerseits, und auf der anderen Seite Analysen von Bildungsungleichheiten stehen mehr oder weniger ohne Bezug nebeneinander. Das gilt auch für die Frage, ob neu entstandene Steuerungshybride – die aus einem Mix alter, bürokratischer, mit neuen, an Management und Evaluation orientierten Formen der Steuerung entstehen – besser für die Minimierung von Bildungsungleichheiten geeignet sind. Seit vielen Jahren werden zwar im Rahmen von New Public Management Reformelemente propagiert: statt Detailsteuerung der Bürokratie: Flache Hierarchien, Trennung von strategischer und operativer Führung, Zielvereinbarungen, produktorientierte Haushalte, Kundenorientierung, uvam. Die Reformen bleiben jedoch oft auf Einzelmaßnahmen beschränktes Stückwerk (Bogumil/Grohs/Kuhlmann 2006). Ein Paradigmenwechsel der deutschen Verwaltung scheint nicht stattgefunden zu haben. Entstanden sind offensichtlich Hybride zwischen alten bürokratischen und neuen Steuerungsformen. Auf den ersten Blick lassen sich Hybriden nur mindere Leistung attestieren. Da sich jedoch viele Institutionen im Bildungsbereich auf einem mittleren Rationalitätsniveau bewegen, ist zu eruieren, ob nicht Hybride auch leistungsfähig sein können, und für welche Bereiche dies gilt.

Nachfolgend eine Liste von Fragen, um Beiträge für die Adhoc-Gruppe anzuregen:

• Wie reagieren nationale Bildungssysteme auf den Druck, adäquate Bildungsangebote für eine international heterogene Klientel zu organisieren? Wie sehen Strategien der nationalen Steuerung von Bildungsangeboten im Kontext von weltumspannenden Migrationsbewegungen aus?
• Ist der Föderalismus des deutschen Bildungssystems ein adäquater Rahmen, um sich auf eine heterogene, internationale Bildungsnachfrage auszurichten? Welche ungleichheitsbezogenen Folgen hat die Konkurrenz der Bildungs-AnbieterInnen um die kompetentesten NachfragerInnen?
• Auf welcher Theoriebasis werden die Strategien von Bildungssystemen im Rahmen transnationaler Vergesellschaftungsprozesse untersucht? Sind die Theorien managementbezogen, auf soziale Differenzierung oder Konflikttheorien ausgerichtet – und welche Folgen haben diese Ausrichtungen? Wie kann Steuerung in verschiedenen Theorieangeboten mit sozialen Ungleichheiten in Zusammenhang gebracht werden?
• Führen Instrumente der neuen Steuerung von Bildungssystemen  zu Entscheidungen, die Bildungsungleichheiten minimieren – oder perpetuieren? Liefern Evaluationssysteme Daten, die taugen, Entscheidungen für die Unterstützung von Bildungseinrichtungen zu befördern? Gibt es das Wissen über die nötige Unterstützung von Bildungseinrichtungen nicht auch ohnedies?
• Kommt es zu einer institutionellen Verschleppung von Hilfen für die Unterstützung von Akteuren mit schwachen Interessen?
• Ist der Ansatz der institutionellen Diskriminierung hinreichend für die Analyse, wie eine
usdifferenzierte Bildungslandschaft bildungsbezogene und soziale Ungleichheiten verstetigt? Welche Verbindungen hat der Ansatz jedoch zu Fragen der Steuerung?
• Ist eine ungleichheitstheoretische Betrachtung von sozialen Feldern gemäß Bourdieu auch auf Akteure beziehbar, die in Bildungseinrichtungen verschiedene Steuerungskulturen verfolgen?
Im Idealfall sollten die Beiträge der Adhoc-Gruppe sich sowohl zu den nationalen Reaktionsweisen auf internationale Ansprüche an Bildungsbeteiligung äußern, als auch zur ungleichheitsmindernden oder -reproduzierenden Wirkung neuer Steuerung.
Bitte senden Sie ein Papier von max. 2 Seiten an beide Veranstalter der Adhoc-Gruppe.

Prof. Dr. Thomas Brüsemeister
Professur für Soziologie mit Schwerpunkt
Sozialisation und Bildung
Institut für Soziologie
Justus-Liebig Universität Gießen
Karl-Glöckner-Str. 21 E
35394 Gießen
Thomas.Bruesemeister@sowi.uni-giessen.de

Dr. Roman Langer
Institut für Pädagogik und pädagogische Psychologie
Johannes-Kepler-Universität Linz
Altenberger Str. 69
A-4040 Linz
roman.langer@jku.at



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