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Wissenschaftsfeindlichkeit und politische Ansichten

In einem Land, in dem hunderte Jahre geglaubt wurde, dass ein dreieiniger Gott sich selbst als Sohn mittels Heiligem Geist aus einer Jungfrau gebären lassen hat, um die Welt am Kreuz zu erlösen, in so einem Land ist es kein Wunder, dass es eine Zeit lang dauert, bis sich der Rationalismus durchsetzt.
Martin Puntigam zum Thema Wissenschaftsskepsis

Studien haben gezeigt, dass der Mensch nur sehr ungern umdenkt und nach Kräften an erworbenen Überzeugungen festhält, was bedeutet, dass der Homo sapiens tendenziell ein konservatives Tier ist, das sich über neue Erkenntnisse eher freut als aufregt und von der Informationsflut überwältigt wird. Susmann et al. (2021) fanden vier Faktoren, aus denen sich Wissenschaftsfeindlichkeit ableitet. Alle vier Faktoren haben eines gemeinsam: Sie zeigen, was passiert, wenn wissenschaftliche Informationen mit zuvor erworbenen Überzeugungen, Gedanken und Einstellungen in Konflikt geraten. Den Menschen fällt es offenbar schwer, mit dieser Art von Konflikten umzugehen, wobei es ihnen leichter fällt, wissenschaftliche Informationen abzulehnen, die nicht zu ihren Überzeugungen passen.

Das Elaboration Likelihood Model of persuasion ermöglicht die Integration einer Vielzahl von scheinbar unterschiedlichen Effekten in einen übergreifenden Rahmen, da es vorhersagen kann, welche Effekte mit größerer Wahrscheinlichkeit zu einer Verhaltensänderung führen als andere, und es können neue Vorhersagen getroffen werden.

Zu diesem Zweck haben Susmann et al. (2021) einige neuere Forschungsarbeiten zu den persuasiven Effekten dieser Variablen in Bezug auf die Quelle einer persuasiven Botschaft, die Merkmale der Botschaft selbst, den Empfänger und die interaktiven Effekte zwischen den Variablen in diesen Kategorien untersucht, und jede Studie in diesen Elaboration Likelihood Model-Rahmen eingeordnet. Die entscheidenden Faktoren sind immer die Annahme, dass wissenschaftliche Quellen nicht vertrauenswürdig sind, die Identifikation mit Gruppen, die wissenschaftsfeindliche Haltungen propagieren, die Tatsache, dass neue Erkenntnisse oft bestehenden Überzeugungen widersprechen, und eine Diskrepanz zwischen der Art und Weise, wie sie präsentiert werden, und dem eigenen Denkstil.

Die Tatsache, dass erwiesene Tatsachen als Unsinn oder gar Lüge bezeichnet werden, hängt mit zwei miteinander verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen. Zum einen gibt es die sozialen Medien mit ihrer Vielzahl von Nachrichtenquellen, aus denen sich jeder seine eigene Version und Interpretation der Fakten holen kann, zum anderen die zunehmende Bedeutung politischer Ideologien. Während die Menschen schon immer politische Ansichten hatten, waren Wissenschaft und wissenschaftliche Überzeugungen früher von der Politik getrennt, was heute offensichtlich nicht mehr der Fall ist. Die Politik ist auch wegen ihrer hohen Präsenz in den Medien Teil der Identität vieler Menschen, wobei politische Ideologien wiederum bestimmte Reaktionen auf wissenschaftliche Erkenntnisse hervorrufen, die dann selbst wieder politisiert werden. Manche Menschen lehnen auch neue wissenschaftliche Informationen ab, weil es einfacher ist, als bestehende politische Überzeugungen zu ändern. Die Politik kann grundlegende mentale Prozesse auslösen oder verstärken, die alle vier oben genannten Denkprozesse auslösen, die Wissenschaftsfeindlichkeit fördern. Die Glaubwürdigkeit von Quellen hängt davon ab, dass derjenige, der eine Botschaft mit den gleichen politischen Ansichten vermittelt, als kompetenter und sachkundiger eingeschätzt wird. Da jedoch Liberale und Konservative in den sozialen Medien auf unterschiedliche Nachrichtenquellen zurückgreifen, stützen sie sich zwangsläufig auf unterschiedliche Quellen wissenschaftlicher Informationen und Fehlinformationen, so dass eine Debatte und kritische Selbstreflexion ausbleiben.

Literatur

Susmann, Mark W., Xu, Mengran, Clark, Jason K., Wallace, Laura E., Blankenship, Kevin L., Philipp-Muller, Aviva Z., Luttrell, Andrew, Wegener, Duane T. & Petty, Richard E. (2021). Persuasion amidst a pandemic: Insights from the Elaboration Likelihood Model. European Review of Social Psychology, doi:10.1080/10463283.2021.1964744.






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