Wo sitzt die Religiosität im menschlichen Gehirn?

Über 80% der Weltbevölkerung betrachten sich selbst als religiös und noch mehr identifizieren sich als spirituell, aber die neuronalen Substrate von Spiritualität und Religiosität sind nach wie vor ungelöst. Ferguson et al. (2021) haben in zwei unabhängigen Hirnläsionsdatensätzen versucht, das Gehirnareal für Spiritualität zu lokalisieren, wobei sich zeigte, dass das Zentrum für religiöse Gefühle in einem evolutionär erstaunlich alten Hirnteil liegt. Für die Studie unterzog man alle Patienten, denen wegen eines Hirntumors unterschiedliche Teile des Gehirns entfernt werden mussten, sowohl vor der Operation als auch nachher einer ausführlichen Befragung zu ihrer Religiosität und spirituellen Gefühlen und Vorstellungen. Dann prüfte man, ob und wie sich die Ergebnisse durch die Verletzung bestimmter Hirnareale verändert hatten. Während die meisten Hirnoperationen keine signifikanten Veränderungen in der Religiosität nach sich zogen, war dies für Eingriffe in einem bestimmten Teil des Stammhirns anders, denn wurde das Periaquäduktale Grau, eine im Inneren des oberen Hirnstamms liegende Nervenzellgruppe, die an der Schmerzhemmung, der Angst- und Fluchtreaktion, aber auch positiven Emotionen beteiligt ist, verletzt, änderte sich das spirituelle Empfinden der Patienten teilweise radikal. Das Periaquäduktale Grau liegt im innersten Bereich des Mesencephalons und damit im oberen Teil des Hirnstamms. Offenbar ist dieser evolutionär alte Hirnteil eng mit der Erzeugung religiöser Gefühle und Vorstellungen verknüpft. Dieses Stammhirn teilen sich Menschen übrigens nicht nur mit anderen Säugetieren, sondern Reptilien und Fische besitzen schon ähnliche Strukturen. Dabei scheint es jedoch sowohl hemmende als auch fördernde Areale zu geben, wie die Tests ergaben, denn Verletzungen einiger Nervenzellknoten in diesem Areal führten bei den Patienten zu deutlich verringerter Religiosität, während die Entfernung anderer Teilareale die religiösen und spirituellen Gefühle eher verstärkte. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Spiritualität und Religiosität in fundamentalen neurobiologischen Prozessen verwurzelt sind, also tief in die neurologische Matrix eingewoben sind. Dieses Ergebnis konnte bei Kriegsveteranen bestätigt werden, denn auch dabei berichteten ehemalige Soldaten mit Verletzungen am Periaquäduktalen Grau von einem Wandel im Ausmaß ihrer spirituellen Gefühle und Vorstellungen. Einige ältere Fallberichte aus der Literatur beschreiben zudem Menschen, die nach Verletzungen dieses Stammhirn-Areals hyperreligiös wurden. Übrigens sind im gleichen Gehirnareal auch Schaltkreise lokalisiert, die bei Krankheiten wie Parkinson, bei Halluzinationen und auch dem Alien-Limb-Syndrom eine Rolle spielen. Wie die Läsionskartierung ergab, überschneiden sich Zonen, die im intakten Zustand die Religiosität fördern, mit den Arealen, die häufig durch Parkinson geschädigt werden. Die Areale, die bei einer Verletzung dagegen eher zu einer ungezügelten Hyperreligiosität führen, sind oft auch bei Menschen mit Halluzinationen und einer gestörten Körperwahrnehmung geschädigt. Allerdings kann man diese Ergebnisse nicht in der Richtung interprtieren, dass alle religiösen Menschen in der Geschichte an einem Hirnschaden litten oder dass Parkinson und Atheismus miteinander verknüpft sind. Stattdessen unterstreichen unsere Resultate, dass die Spiritualität des Menschen tiefe Wurzeln hat und eng mit grundlegenden Funktionen verknüpft ist.

Literatur

Ferguson, Michael A., Schaper, Frederic L.W.V.J., Cohen, Alexander, Siddiqi, Shan, Merrill, Sarah M., Nielsen, Jared A., Grafman, Jordan, Urgesi, Cosimo, Fabbro, Franco & Fox, Michael D. (2021). A neural circuit for spirituality and religiosity derived from patients with brain lesions. Biological Psychiatry, doi:10.1016/j.biopsych.2021.06.016.
https://www.scinexx.de/?p=243170 (21-07-08)


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