Luna Born: Nur so ein paar Gedanken zu Corona-Zeiten

Luna Born, die Autorin des Buches “Missbrauch mit den Missbrauchten: Mehr Träume, als die katholische Kirche zerstören kann” aus dem Jahr 2019 hat mir folgenden Text übermittelt, um einen Gegenentwurf zur aktuellen Lage zu zeichnen. Am Ende des Textes findet sich die Möglichkeit zu einem Download als pdf-Datei.

Um das einfach mal vorwegzunehmen: wir halten Abstand, versorgen die 86-jährige Nachbarin und den in Quarantäne hausenden Pfleger neben uns, treffen unsere Freunde nicht mehr, kaufen nur das wirklich Notwendige ein, gehen einmal am Tag raus und sind auch sonst sehr folgsam – ehrlich!
Und genau das lässt mir, da ich dank der Reaktion auf Corona im Moment kaum Geld verdienen kann, die Zeit, mich mit anderen Gedanken zu beschäftigen als sonst. Zum Beispiel mit der plötzlich auftretenden Frage: Was will das Virus mit seinen Eigenschaften und seiner Ausbreitung mir eigentlich sagen?
Wenn ich die Reaktion aus der Politik beobachte, scheint die Botschaft zu sein, dass das Virus unser Feind ist, unser Gegner, der uns Menschen aus den sogenannten Risikogruppen entführen will, um diese grausam zu behandeln. Wir sind im Krieg, heißt es immer wieder. Doch ist das so?
Ja, es ist so, wenn wir den Tod – und der könnte ja die letzte Konsequenz für die Betroffenen sein, wenn wir sie nicht schützen – als Feind und Gegner erleben und wahrnehmen – der Tod, der uns vor allem Menschen entführt, die zum Teil schon länger leben, als die Statistik es Ihnen vorausgesagt hat, um sie grausam zu quälen.
Was aber wäre, wenn wir ein anderes Bild vom Tod hätten? Was wäre, wenn wir den Tod als einen Wechsel von einem Zustand in einen anderen ansehen würden – ähnlich, wie sich beim Wasserkochen der Zustand des Wassers am Siedepunkt ändert?
Was wäre, wenn wir keine Angst vor dem Tod hätten?
Wie sähe die Welt heute – mitten in der Pandemie – aus, wenn es uns als Gesellschaft wichtiger wäre, den Betroffenen zu einem würdigen Übergang zu verhelfen, als zu meinen, wir müssten sie schützen – vor etwas, was wir gar nicht verhindern können: nämlich dem Verlassen der Seele aus dem Körper, wenn wir den Tod als lebendigen Teil des Lebensrades sehen würden und nicht als Ende von Allem und als grausam und qualvoll?
Aus Solidarität – so heißt es gerade ständig – verlieren wir Jobs, Freiheit, wird die Demokratie ausgehöhlt und sollen Menschen, die vielleicht ganz bewusst irgendwann sich für einen anderen Beruf entschieden haben, zwangsrekrutiert werden, nur weil sie vor vielen Jahren Medizin studiert oder einen Pflegeberuf erlernt haben. Und andere arbeiten bis zur Erschöpfung, haben kaum noch Pausen und keine Freizeit mehr – aus Solidarität den Menschen gegenüber, die jetzt als besonders betroffen gelten. Und der Preis dafür? Ist der Preis, den viele von uns gerade zahlen, wirklich angemessen: Arbeitslosigkeit, erhöhte häusliche Gewalt, Kontaktsperren, Zwangsrekrutierungen, maximale Überlastung, Hamsterkäufe…. Und auf der anderen Seite sterben die Menschen ja trotzdem. Ja, es sterben Menschen – wie immer schon; denn Sterben ist – nur – ein Teil des großen Lebensrades, das sich auch nur dann weiterdreht, wenn die Seele den Körper verlässt und verlassen darf. Und die Sterbenden? Sie sterben bereits beim Intubieren, also dann, wenn die Ärzte/Innen den Schlauch in die Lunge einschieben, um die Betroffenen zu beatmen – so hat es ein Arzt aus New York letztens während eines Interwies berichtet -. Oder sie sterben später – zurzeit alleine im Krankenhaus – ohne Kontakt und ohne menschliche Wärme – würdelos! Und das wird teuer erkauft mit Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und großer Angst der Menschen, die noch vor oder in der Blüte des Lebenskreises stehen.
Vorhin habe ich ausführlich mit meinen Eltern telefoniert – besuchen darf ich sie ja nicht mehr. Sie wohnen 500 km weit weg. Sie haben bereits länger gelebt, als die Statistik ihnen ausgerechnet hat. Von einem früheren Gespräch weiß ich, dass mein Vater nicht gern allein sterben möchte. Er hat es als magisch erlebt, als er mit 3 weiteren vertrauten Personen seine Schwiegermutter begleiten durfte, als diese starb, als ihre Seele den Körper verließ.
Ganz ehrlich, ich würde mich viel solidarischer fühlen, wenn ich weiter arbeiten könnte, wenn ich mich weiter mit meinen Freunden und Freundinnen treffen dürfte, wenn ein Großteil der Bevölkerung sich anstecken würde – das ist normal bei einem infektiösem Virus –, wenn die allermeisten Menschen diese Ansteckung überleben würden – das wird
„Flächenimmunisierung“ genannt – und ich dafür meinem Vater die Hand halten darf, wenn seine Seele diesen Körper verlässt – egal aus welchen Grund. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er gerne zu Hause sterben würde, in Anwesenheit seiner Lieben – unabhängig davon, ob wir Corona-positiv sind!
Der Tod, der Übergang von einem Seelenzustand in den nächsten, ist nicht unser Feind!
Wie sähe die Welt heute aus, wenn wir diese Überzeugung als Pandemie-Motto nehmen würden – wenn wir viele Menschen darin unterstützen könnten, sich aus- und fortzubilden, um den Betroffenen einen würdigen Übergang zu schenken?
Wie sähe die Welt heute aus, wenn auch die Betroffenen keine Angst vor dem Tod hätten, wenn sie freiwillig auf Beatmungsbetten in den Krankenhäusern verzichten würden, weil sie ihr Leben in Fülle und Länge wertschätzen können und aus Solidarität anerkennen, dass es – vielleicht – an der Zeit ist, das Lebensrad weiter drehen zu lassen? Die Eskimos gehen in die Eiswüste, wenn Ihnen klar wird, dass die Seele den Körper verlassen wird oder sie bleiben von sich aus in voller Verantwortung auf der Scholle, wenn die Gemeinschaft weiterziehen muss, wenn klar wird, dass die Anderen den Körper – die Hülle – nicht mehr mittragen können, ohne dass die Gemeinschaft Schaden nimmt.
Das ist für mich auch verantwortliche Solidarität!
Wie sähe die Welt heute aus, wenn diese paar Gedanken die Runde machen würde? Wenn viele Menschen es meinen Eltern gleichtun könnten, die nun durch ihre offen sichtbar ausgelegte Patientenverfügung klar machen, dass sie nicht alleine im Krankenhaus sterben wollen, sondern lieber zu Hause – mit der Zeit, die es braucht, damit Ihre Lieben den Weg zu Ihnen noch schaffen? Sie wollen keine aktive Sterbehilfe – die offensichtlich bereits in einigen anderen Ländern angewandt wird-, aber sie wünschen sich all die Hilfe, die Ihnen auch zugekommen wäre vor der Corona-Zeit.
Und JA, auch ich habe verstanden, dass wir das Gesundheitssystem vor einer akuten Überlastung schützen müssen. Das Gesundheitssystem, welches seit Jahrzehnten runtergefahren wird, von dem wir alle schon lange wissen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterbezahlt werden und gleichzeitig überlastet sind – schon vor Corona. JA, ich habe das verstanden! Aber wie sähe die Situation heute aus, wenn nicht alle sofort in die Krankenhäuser verlegt würden, sondern es auch die Möglichkeit gäbe, zu Hause in Ruhe zu sterben – wie es ja auch vor der Corona-Zeit möglich war? Ich habe noch keine Zahl gehört, wie viele Menschen in dieser Pandemie gesund und munter nach der Beatmung weiterleben! Zufall?
Das sind meine Gedanken gerade zu dieser Zeit. Und in letzter Konsequenz verzichte auch ich hiermit offiziell auf ein Beatmungsbett, sollte das Virus mich an den Punkt bringen, dass es an der Zeit ist zu sterben, dass meine Seele meinen Körper verlässt und einen anderen Zustand annimmt – im vollen Vertrauen, dass der Tod ein Teil des Lebens ist.
So können schon drei Menschen von der großen, angstmachenden Welle abgezogen werden. Und wie sähe die Welt aus, wenn sich viele dem Gedanken anschließen würden und die ganze Welle der Panik auslaufen könnte und sich auflösen darf?
Nur so ein paar Gedanken zu Corona-Zeiten.

Luna Born – März 2020


Download als pdf-Datei: Luna Born: Nur so ein paar Gedanken zu Corona-Zeiten



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.