Was macht für Menschen eine Landschaft schön?

Isik & Vessel (2021) haben herauszufinden versucht, wie das menschliche Gehirn vom bloßen Sehen einer mehr oder minder schönen Landschaft zu deren ästhetischer Bewertung gelangt. Bei ästhetisch ansprechenden Seherlebnissen wird der visuelle Inhalt als Basis für die Berechnung affektiv gefärbter Repräsentationen des ästhetischen Wertes genutzt, doch wie dies im Gehirn genau geschieht, ist weitgehend unerforscht. Anhand von Videoclips natürlicher Landschaften überprüfte man in dieser Studie, ob cortikale Areale, die auf Wahrnehmungsaspekte einer Umgebung wie etwa räumliche Anordnung, Objektinhalt und Bewegung reagieren, direkt durch die Bewertung der ästhetischen Attraktivität moduliert werden.

Die Versuchspersonen sahen sich eine Reihe von Videos natürlicher Landschaften an, während sie mit funktioneller Magnetresonanztomographie gescannt wurden, und berichteten sowohl über kontinuierliche Bewertungen des Genusses während der Videos als auch über ihre allgemeinen ästhetische Bewertungen nach jedem Video. Obwohl Landschaftsvideos im Vergleich zu Bildern von Landschaften eine größere Ausdehnung des hochrangigen visuellen Cortex beanspruchten, wurden unabhängig lokalisierte kategorie-selektive visuelle Regionen nicht signifikant durch den ästhetischen Reiz moduliert, vielmehr zeigte eine Analyse des gesamten Gehirns Modulationen durch ästhetische Attraktivität in ventralen und lateralen Clustern, die an szenen- und bewegungsselektive Regionen angrenzten. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ästhetische Attraktivität per se nicht in gut charakterisierten merkmals- und kategorie-selektiven Regionen des visuellen Cortex repräsentiert ist, vielmehr kann man vermuten, dass die beobachteten Aktivierungen eine lokale Transformation von einer merkmalsbasierten visuellen Repräsentation zu einer Repräsentation von elementarem Affekt widerspiegeln, der durch informationsverarbeitende Mechanismen berechnet wird, die Abweichungen von den Erwartungen eines Beobachters erkennen.

Darüber hinaus fanden die Forscher eine Modulation durch ästhetischen Reiz in subkortikalen Belohnungsstrukturen, aber nicht in Regionen des Default-Mode-Netzwerks oder des orbitofrontalen Cortex, und nur schwache Hinweise auf damit verbundene Veränderungen der funktionellen Konnektivität. Im Gegensatz zu anderen visuell-ästhetischen Domänen beruhen ästhetisch ansprechende Interaktionen mit natürlichen Landschaften möglicherweise stärker auf Vergleichen zwischen laufender Stimulation und wohlgeformten Repräsentationen der natürlichen Welt und weniger auf Top-down-Prozessen zur Auflösung von Mehrdeutigkeiten oder Bewertung der Selbstrelevanz. Wenn man also etwas sieht, das die eigenen Erwartungen übersteigt, erzeugen lokale Bereiche des Gehirns kleine Atome eines positiven Gefühls, wobei erst die Kombination zahlreicher solcher Überraschungssignale im gesamten visuellen System sich dann zu einer ästhetisch ansprechenden Erfahrung summiert. Das könnte auch erklären, wie Interaktionen mit der natürlichen Umgebung das menschliche Wohlbefinden beeinflussen können, etwa beim Waldbaden.

Literatur

Isik, A.I. & Vessel, E.A. (2021). From Visual Perception to Aesthetic Appeal: Brain Responses to Aesthetically Appealing Natural Landscape Movies. Frontiers in Human Neuroscience, 15 , doi:10.3389/fnhum.2021.676032.